Der neue Roman von Yves Petry: In Paradisum

"Gott ist tot", sagte er. Und dann, nachdem er sich geräuspert hatte, sagte er in einem Ton, der, weil er diese Art von großen Behauptungen nicht mochte, etwas Entschuldigendes hatte: "Das weiß doch jeder. Das weiß sogar ich."
"Und wenn sogar du es weißt, wird es ja wohl auch stimmen. Was dabei aber nie erwähnt wird, ist, dass Gott schon immer tot war. Jedenfalls mehr tot als lebendig. Gott lebt nur im Leben seiner Heiligen. Und diese Erkenntnis ist genau der Geist, der bis in alle Ewigkeit bei uns sein wird", antwortete sie einfach drauflos ...

"Neulich erst hast du etwas gesagt, das ich spannend fand."
"Ach ja?"
"In dieser Sendung, wie heißt sie gleich wieder?"
"Da fragst du mich was. In welcher Sendung habe ich nichts Spannendes gesagt?", grinste er.
"Es ging ums Beten. Du sagtest, du würdest niemals vor dem Auge der Kamera beten. Dass du eher in einer Sexszene als in einer Gebetsszene mitspielen würdest. Dass du Beten viel intimer fändest als Sex."
"Eine Gebetsszene. Allein schon das Wort."
"Was ich mich damals gefragt habe, war: Betest du überhaupt?"

Ein anderer Bestandteil seines öffentlichen Imagos war sein vermeintlicher Katholizismus. Nicht, dass es bei ihm jemals Anzeichen von Dogmatismus und Moralismus gegeben hätte. Nicht, dass er jemals verteidigt hätte, was jeder rechtschaffen denkende Mensch verabscheut: die Engstirnigkeit, die Sentimentalität, das intellektuelle Vakuum der Kirche und die Sackgasse der vollkommenen Talentlosigkeit, in der die Kirche infolgedessen gelandet ist. Aber dennoch beharrte der Herr darauf, katholisch zu sein, oder, wie er es einmal präzisierte, zumindest ein potentieller Katholik. Inwiefern er diese Möglichkeit auch realisiere, wisse am Ende nur Gott, erklärte er mit einem Lächeln, welches vermuten ließ, dass dies insgesamt eher Gott kümmerte als ihn selbst. Meiner Meinung nach war er eine Art Meta-Katholik, der weniger an Gott glaubte als vielmehr an die Kraft des Gottesglaubens, der schließlich Wunderwerke wie die Notre Dame, das Lamm Gottes, den Messias oder die Matthäuspassion hervorgebracht hatte. Dass seine katholische Loyalität einzig und allein auf ästhetischen Genüssen basierte, das wollte er nun aber auch wieder nicht gesagt haben. Da sei mehr, das alles hänge ein wenig komplizierter zusammen, ließ er mysteriös verlauten, ohne jedoch dem Betrachter vollkommen Einblick in das Knäuel seiner persönlichen Motive zu gönnen, das in seinem Schädel ein Häufchen Restkatholizismus bildete.

Nun schien mir im Prinzip die wertfreie Wissenschaft als Leitfaden zur Selbstinterpretation immer noch den Vorzug vor dem moralisierenden Humbug der Religion zu verdienen, das schon. Doch für meinen Geschmack reichte nichts an die Literatur heran. Die großen Autoren, das waren Männer. Die brauchten keine Biologie oder Theologie, um ihre Phantasieprodukte zu rechtfertigen. Unerschrocken traten sie für die Wahrhaftigkeit und das Existenzrecht ihrer Figuren ein, und zwar mit keiner anderen Waffe in der Hand als den hypnotischen Fähigkeiten der Sprache. Wenn man dafür nicht empfänglich war, ließen sie einen in Ruhe. Wenn man dafür aber ein Organ hatte, geriet man in Trance. Sie benebelten einen, diese Magier, aber sie betrogen einen nicht. Sie spiegelten einem keine Wirklichkeit vor, die angeblich jenseits ihrer Worte existierte. Sie legten nur das Bedürfnis nach anderen Wirklichkeiten, als jenen in ihren Worten, auf Eis.



Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)