Zum Tod von Peter Härtling

Umarme eine trockne Seele,
damit ihr's nicht an Wärme fehle.
Streichle einen dummen Kopf,
besänftige einen bösen Tropf,
komm einer Gemeinheit in die Quere,
vertreib mit Phantasie die Leere
und mach das Alte wieder neuer -
aus der Nähe und mit Feuer.
Quelle: https://www.kirche-im-swr.de/?page=manuskripte&id=9821

Melancholie, meine Beschützerin, süchtig nach Grenzen und verbündet mit Verlusten. In welcher Sprache kann ich dich lesen? Immer sind es die unerwarteten Wörter, aus denen die Trauer bricht.
Quelle: P. Härtling, Horizonttheater. Neue Gedichte. Köln 1997. S. 26.

Ohne Auftrag
Keiner von euch weiß mehr seinen Auftrag,
kennt mehr den Weg
zwischen Himmel und Erde,
die rettenden Sätze,
die Verkündigung.
Wer von euch wagt noch zu sprechen -
die Hirten verkamen wie Herrscher.
Grau bedecken sie die Erde,
die sie nicht mehr will.
Quelle: P. Härtling/A. Rainer, Engel, gibt's die? 28 Gedichte, 30 Übermalungen. Stuttgart 1992.

Wenn jeder eine Blume pflanzte,
jeder Mensch auf dieser Welt,
und, anstatt zu schießen, tanzte
und mit Lächeln zahlte, statt mit Geld –
wenn ein jeder einen andern wärmte,
keiner mehr von seiner Stärke schwärmte,
keiner mehr den andern schlüge,
keiner sich verstrickte in der Lüge –
wenn die Alten wie die Kinder würden,
sie sich teilten in den Bürden,
wenn dies Wenn sich leben ließ,
wär's noch lang kein Paradies –
bloß die Menschenzeit hätt angefangen,
die in Streit und Krieg uns beinah ist vergangen.
Quelle: P. Härtling, Und hören voneinander. Reden aus Zorn und Zuversicht. Stuttgart 1984. S. 105.

Die Amtskirche ist für mich nicht mehr von großer Bedeutung, muss ich gestehen. Wenn der christliche Glaube dieses Jahrhundert überstehen, wenn die Kirche Menschen wachrufen und beleben will, dann sollte die Amtskirche, sollten die Verwalter und Bürokraten immer mehr zurücktreten. Wenn ich die DDR und die dortigen Gemeinden besuche und mit Pfarrern spreche, dann denke ich oft, dass die Kirche dort den Gemeinden viel näher ist und dadurch wohl auch dem Glauben. Die Kirche in unserem Land wird ja viel zu sehr verwaltet, auch dogmatisiert, weil Verwaltungen schnell dogmatisieren.
Quelle: K.-J. Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen. 12 Schriftsteller über Religion und Literatur. München/Zürich 1985.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)