Der neue Roman von Susann Pásztor

Das Wörterkrankenhaus bestand aus einer handschriftlichen Sammlung von Wörtern, die Phils Meinung nach vorübergehend, längerfristig oder, wenn sie unheilbar erkrankt waren, auch endgültig aus dem Verkehr gezogen werden mussten. Neben der Notaufnahme gab es eine Quarantänestation, eine Abteilung für Chirurgie und eine Intensivstation, andere Abteilungen waren zwischenzeitlich gegründet, aber bald wieder verworfen worden. Auf der Quarantänestation befanden sich Wörter wie beispielsweise Gott [...], Wörter also, die missbraucht, falsch verstanden oder verdreht worden waren. Man musste sie zunächst isolieren und ihnen später neue Inhalte geben oder die alte Bedeutung wiederherstellen, bevor sie wieder einen Text betreten durften. Ihre Zukunft war ungewiss. Viele schafften es nie mehr nach draußen.
Dann gab es noch die Sorte Wörter, denen Betonungsfanatiker einen Trennungsstrich verpasst hatten, um auch dem letzten Depp ihre Bedeutung einzuhämmern, also Wörter wie Ent-täuschung, Ver-trauen oder Ein-sicht. Sie waren ein Fall für die Chirurgie. [...]
Auf der Intensivstation regierte der Schmerz. Er steckte in harmlosen Wörtern wie Trinidad oder Zwetschgendatschi, die bei Phil ein ähnliches körperliches Unbehagen hervorriefen wie der Kontakt mit fettigen Kartoffelchips.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)