Der neue Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre:
Panikherz

Mein Vater war Pastor, ich war das jüngste von vier Kindern, Benjamin, letztes Kind, aber hebräisch auch: Sohn der Freude. ... Mein ältester Bruder machte in Hamburg seinen Zivildienst, die meisten seiner Mitschüler wurden Soldaten, was für uns als Pastorenkinder natürlich nicht infrage kam. Ohnehin waren wir Outlaws, auf dem Schulhof musste ich ständig blöde Witze aushalten von all jenen, die bei meinem Vater Konfirmandenunterricht hatten. Konfirmieren ließ man sich, um eine Stereoanlage geschenkt zu bekommen und Geld, mein Vater aber wollte natürlich wirklich was lehren, ein unlösbarer Konflikt, und als Sohn dieses bärtigen und (weil nicht in der CDU) als kommunistisch geltenden Pastors war ich nun Schuld daran, dass sie das Vaterunser auswendig lernen mussten. Strafverschärfend betrieb meine Mutter den Kinderchor. ...
Meine Eltern gehörten vermutlich zu den ersten Ökos Deutschlands. Müsli war damals noch ein Schimpfwort, man bezeichnete meine Eltern und ihresgleichen so, sie wurden MÜSLIS genannt. Bio und Öko waren lange noch kein anerkannter Bessergestelltenlifestyle, Bio und Öko standen für teurer, schlechter, riecht nicht gut, schmeckt nicht gut, funktioniert nicht - ist aber FAIR. Mit Gesinnungsfreunden betrieben meine Eltern einen genossenschaftlichen Bioladen, in dem man unfassbar teuren Kaffee und Honig kaufen konnte, außerdem graues Papier, das aus Altpapier hergestellt war und auf dem die Tinte an den Buchstabenrändern immer faserig versickerte; die unlackierten Naturholz-Bleistifte brachen dauernd ab. Man wollte mit diesem Ökoschrott die DRITTE WELT unterstützen, weil aber dieser Begriff natürlich diskriminierend war und das Problem, das zu bekämpfen man sich vorgenommen hatte, beschrieb, nannten sie das Geschäft "Eine Welt Laden". ...
Meine Eltern und ihre Genossen trugen Buttons mit Friedenstauben an ihren kratzigen Strickpullovern. Unser Familienauto war ein dröhnender Diesel-Peugeot 504, riesig groß, mit vier Kindern galt man sowieso als asozial. Die pazifistischen und atomkraftskeptischen Aufkleber machten es nicht besser.
Ich beneidete Mitschüler, die und deren Familien von meinen Eltern als - Achtung, Kampfbegriff - SPIESSIG bezeichnet wurden. In die Kirche gingen diese Spießereltern allenfalls Heiligabend und falls es in ihren Gänsebratenablauf passte, was meine Eltern nicht gutheißen konnten, aber ja mussten: besser als nie. Die verlässlich überhohen Weihnachtskollekten im dann ausnahmsweise geldscheinknisternden KLINGELBEUTEL waren ein etatbedeutender Posten für so allerlei SOZIALE PROJEKTE (und eine Schwundform des Ablasshandels). Kopfschüttelnde Seitenblicke meiner Mutter von der Orgel, wenn sie diese Heiligabendchristen ertappte bei der Unkundigkeit in liturgischen Abläufen, aufstehen, hinsetzen, mitsingen und so weiter. Spießerkinder bekamen viel zu viele Weihnachtsgeschenke, was meine Mutter als MATERIALSCHLACHT ächtete - das können wir nicht und das wollen wir auch gar nicht, sprach sie etwas zu Unrecht im Plural für uns Kinder mit. ...
Das Urgeräusch meiner Kindheit: Permanente Kirchturmglockenschläge, einmal um Viertel nach, zweimal um halb, dreimal um Viertel vor, viermal - plus, tiefer, Uhrzeitzahl - zur vollen Stunde, sowie das ausufernde Gebimmel um zwölf Uhr mittags und sechs Uhr abends, sonntags zehn vor zehn, um zum Gottesdienstbesuch zu ermahnen, und dann noch mal gegen fünf vor elf zum Vaterunser; außerdem bei Taufen, Hochzeiten und Todesfällen - es bimmelt also das ganze Leben durch.
So lernte ich früh, was mir später bei der Dosierung von Schlafmitteln, Alkohol und anderen Drogen wiederbegegnen sollte: Dauergabe führt zum Gewöhnungseffekt, und um dann noch eine Wirkung zu erzielen, muss man die Dosis erhöhen. Noch heute ist es so, dass ich es schlicht nicht höre, wenn eine Kirchturmuhr schlägt, mein Gehör scheint das zu organisieren wie diese geräuschnivellierenden Kopfhörer, die eine Gegenfrequenz erzeugen und somit Stille. Damit ich eine Kirchturmglocke schlagen höre, muss man mich schon im Glockenturm einsperren. Auch habe ich das GEFÜHL, praktisch täglich in die Kirche zu gehen, obwohl mein letzter Gottesdienstbesuch Jahre zurückliegt; das ist wie bei Obelix, der als Kind in den Zaubertrankkessel gefallen ist und deshalb keinen mehr trinken muss, wenn es gilt, mal rasch ein paar Tausend Römer zu verdreschen.

Wir saßen morgens beim Müsli, meine Vater las gravitätisch die von uns Kindern allmorgendlich als Showstopper und Extremdowner gefürchteten LOSUNGEN vor, einen völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Bibel-Vers, einerseits bibeltypisch immer irgendwie passend, wenn man denn unbedingt will, andererseits in die frühmorgendliche Gedankenwelt eines Pubertierenden (der natürlich, egal was, unbedingt NICHT will) niemals passend. Diese Losungen zogen einen wirklich ziemlich runter morgens. Der Herr aber sagt; ihr aber, die ihr; Jesus aber sprach; und ob ich schon wanderte im finsteren Tal - immer düster, immer beladen, immer erst mal "Aber"! Was ist denn das für eine HALTUNG?
Ganz selten nur steht ja bei den Korinthern, in den Römerbriefen oder in der Bergpredigt: Have fun, take it easy, enjoy, go with the flow. Man pennt noch halb, grämt sich über einen neuen Pickel und einen nicht verheilten alten, vor der ersten Stunde wird man noch von irgendwem Mathe abschreiben müssen und vielleicht wählt einen die Klassenschönheit ja heute mal beim Volleyball in ihr Team ... - und nun: Jesaja sagt dies, die Korinther schreiben jenes, Psalm soundso. Ziemlich viel auf einmal.

Im Rahmen der globalen Zwangssolidarität mit "Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns", unterhielten wir selbstverständlich selbstverständlich auch Beziehungen zu Berufskollegen meines Vaters in der DDR, PARTNERGEMEINDE hieß das, die DDR war ja sozusagen das deutsche Afrika, auch da musste man irgendwie helfen. Die berufsbedingt pathologische Hilfsbesessenheit von Pastoren ist lobenswert, im Alltag aber doch lästig. Dauernd Obdachlosen, Afrika, der Umwelt und wemnichtalles helfen - dem eigenen Sohn aber ein BMX-Rad vorenthalten. Ich war nicht einverstanden. Natürlich taten auch mir immer alle leid, denen geholfen werden musste, nur fand ich, dass bei den Adventsbasaren, Flohmärkten und sonstigen kirchlichen Hilfsfestivitäten, wo man trockenen Kuchen, nicht durche Waffeln und Suppe mit scheußlicher WURSTEINLAGE essen, Dosen für Afrika werfen, Eier auf Löffeln gegen das Wettrüsten balancieren oder Luftballons gegen Atomendlager steigen lassen musste, die Helfer selbst einen eher hilfsbedürftigen Eindruck machten. Sie rochen alle unterm Arm und aus dem Mund, und im Gemisch mit Bohnerwachs und Erbsensuppendampf waberte dieses säuerliche Hilfsbereitschaftsodeur durch alle Gemeindehäuser.

Kurt Cobain war Jesus Christus, sein Selbstmord hatte etwas Märtyrerhaftes, Cobain war vor unser aller Augen und, da gab es keinen Zweifel, für uns emporgestiegen, hatte das Leid der Welt auf seine schmalen Schultern genommen, das musste zu viel sein, er ist daran zerbrochen.

Wenn uns Menschen irgendwer oder irgendwas - sei es JENES HÖHERE WESEN oder auch nur ein Satellit - zuschaut hier unten, muss doch denken, wir spinnen. Manchmal schaue ich mir Ameisen an, wie die da auf einem halben Quadratmeter stundenlang vor sich hin schuften, extrem diszipliniert und offenkundig von keinem Zweifel angekrankt! Dieses Sandkorn, das muss jetzt aber so was von dringend nach da drüben transportiert werden und immer so weiter - und dann denke ich, das ist doch vollkommen irre, wozu denn die Hektik, warum so beflissen, was sind denn das fur Prioritäten? Wenigstens nicht ganz so beeilen müsstet ihr euch! Das mit dem Sandkorn - hat das nicht, auf den Weltenlauf umgerechnet, eventuell auch Zeit bis morgen, übermorgen?
Desgleichen wir selbst als Ameisen, von ganz oben betrachtet, in den mikrokleinen von uns beackerten Lebensquadranten: Jaja, macht ihr mal, aber ihr könntet es auch genauso gut bleiben lassen. Wie lang es allein dauert, bis ein Kind endlich Fahrrad fahren kann - und was danach noch alles kommt! Jeder Einzelne muss jeden möglichen Fehler sicherheitshalber selbst noch mal machen, muss selbst jeden Berg besteigen und in jede Grube fallen, muss sich verlieben, traurig sein, Schuhe zubinden lernen und sprechen, muss mindestens eine politische Haltung entwickeln und sich für eine Zahnpastasorte und Frisur entscheiden und all dem Bedeutung beimessen; muss Goethe lesen und Beethoven hören und überlegen, ob sich 'ne Nahverkehrsmonatskarte rechnet; muss beim Baden entrückt schauend ins Meer pinkeln, eine eigene Handschrift entwickeln und wirklich mal versuchen, abends auf Kohlenhydrate zu verzichten; muss ein Software-Update machen und Kindern oder Deppen bei Ausführungen über "Star Wars" zuhören und im Portemonnaie münzwühlend durchrechnen, ob man es passend hat, muss New York, zumindest aber Berlin SPANNEND finden, sich sonnen und erkälten, Erfolg haben und scheitern.
Der Binnenwiderspruch: Wir MÜSSEN uns die Ameise als glückliche Ameise vorstellen. Allzu viel über sich nachzudenken jedenfalls, und da könnte man von der Ameise lernen, das führt zu gar nichts.

Da klingelte das Telefon. Es war meine Schweizer Agentin, sie hätte eine furchtbare Nachricht - mein Freund Louie sei gestorben. Ich rief weinend bei Udo Lindenberg an, und Udo sagte einen Satz, der mich etwas tröstete: "Louie ist nicht VON uns gegangen, er ist nur VOR uns gegangen, wir sehen den dann ja wieder, später, sind ja schon ein paar Experten da oben versammelt, da wird er es gut haben, die singen sich schon mal warm für uns."

Zur Beerdigung durfte ich die Klinik verlassen, mein Bruder holte mich ab ... Wieder der Paderborner Friedhof, wo ich bei der Beerdigung meines Großvaters zweieinhalb Jahre zuvor einen jämmerlich drogenverseuchten Gespensterauftritt hingelegt hatte, der meine Familie zweifeln ließ, ob die biologisch vorgesehene Generationensterbereihenfolge bei uns eingehalten würde. Jetzt, endlich wieder nüchtern, unsicher, weil es sich ja in der ganzen Familie RUMGESPROCHEN hatte, wo ich gerade so herkam, alle nahmen mich einen Tick zu lang in den Arm, meine Patentante hatte Tränen in den Augen, es war unklar, ob sie meiner Großmutter galten oder mir, vielleicht uns beiden. Kein Vorwurf, kein Spott, von niemandem, alle schienen einfach froh, dass ich meinem Wahnsinn noch mal entkommen war. Familie - hat jemals irgendjemand irgendwas Substanzielles gegen dieses Konzept einzuwenden gehabt?

Seltsam, dass sowohl bei Thomas Gottschalk als auch Harald Schmidt das Katholische als Imageerklärung taugt, sowohl für die gottschalksche schlamperte Lässigkeit wie auch für die schmidtsche Ultraintelligenz-Verklemmtheit. Religion ist eben niemals eine Entschuldigung, für gar nichts.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)