Der neue Roman von Karl-Heinz Ott:
Und jeden Morgen das Meer

Nach Brunos Tod lebten alle ihr Leben weiter, als hätte nichts sich geändert. Sie gingen ihrem Tagwerk nach, erledigten ihre Einkäufe, holten ihre Kinder von der Schule, saßen in den Kneipen. Natürlich konnte sie nicht erwarten, dass die Welt ihren Gang anhielt, doch zu sehen, wie rein gar nichts ins Stocken geriet, empfand sie als doppelte Vernichtung. Für sie selbst gab es diese Welt nicht mehr, alle anderen spielten Normalität. Vielleicht erledigt das Schicksal einfach sein Geschäft, sagte sie sich irgendwann, ohne jede Rücksicht auf unser Wünschen und Wollen.

Manche Gedanken würde man am liebsten nicht denken, doch sie huschen einem durch den Kopf, ob man will oder nicht. Würden sie einem gar nicht erst kommen, müsste man sie auch nicht verscheuchen. Sind sie aber einmal da, lassen sie sich schwer wieder aus der Welt schaffen. Für die Nonnen im Internat begann das Böse mit Gedanken, die man nicht haben durfte. Schon damals hatte sie sich gefragt, wie man es anstellen könnte, solche Gedanken nicht zu denken, obwohl sie einem kommen. Im Grunde war Gott selbst an diesen Gedanken schuld, schließlich hatte er einen so erschaffen, wie man war, mit allem Drum und Dran. Wie oft hatte sie sich in den letzten Jahren nicht gewünscht, manche Dinge nicht denken zu müssen! Doch es geht nicht, keinen einzigen Augenblick. Selbst im Traum rattern die Gedanken weiter, und oft kann man bloß hoffen, dass sie beim Aufwachen so schnell wie möglich verwehen. Selbstverständlich durfte man bei den Nonnen nicht Gott für die bösen Gedanken verantwortlich machen, ohne Gefahr zu laufen, sich vor dem Jüngsten Gericht dafür verantworten zu müssen und schlimmstenfalls in die Hölle zu kommen. Die Nonnen hatten behauptet, der Teufel schicke die bösen Gedanken. Womit aber nicht erklärt war, warum es einen Teufel gibt, den doch kein anderer als Gott erschaffen haben muss, da Gott alles erschaffen hat. Es ist blödsinnig, über solche Dinge nachzudenken. Wie immer man es dreht und wendet, logischer werden sie nicht.

Die Nonnen hatten behauptet, Gott kenne Anfang und Ende eines jeden. Sollte das stimmen, würde es bedeuten, man hat keinerlei Einfluss auf sein Ende und alles ist vorherbestimmt. Jegliche Frage nach Schuld und Verantwortung erübrigte sich. Sollte Gott seit je das Ende ihres Mannes gekannt haben, hätte dieser auf keine einzige Weise daran etwas ändern oder es hinausschieben können, weder durch einen gesünderen Lebenswandel noch mit eherner Willenskraft. Man dürfte dann aus einem solchen Tod auch keinen Vorwurf an die Hinterbliebenen herauslesen oder ihn als letztes Sichaufbäumen gegen eine Welt verstehen, der er sich nicht mehr gewachsen fühlte. Sie glaubt zwar nicht, was die Nonnen gepredigt haben, in diesem Fall jedoch wäre es entlastend. Man dürfte sich wie ein bloßer Spielball im großen Kosmos der Vorsehung vorkommen. Warum die Nonnen dann allerdings noch von Sünde reden konnten, mochte verstehen, wer will.

Immer wieder kam ihr der Bibelsatz in den Sinn: Ihr sollt Freude haben an eurem Tun! Wenige Sätze waren ihr aus der Zeit bei den Nonnen geblieben wie dieser, was vielleicht daran lag, dass er sich aus deren Mund merkwürdig ausnahm, zumal er weder aus Verboten bestand noch aus Geboten. Im Grunde passte dieser Satz nicht zu ihnen, er widersprach ihrem ganzen Habit, ihrem Schleier, ihrer Haube, ihrem Kreuz auf der Brust.

Zum ersten Mal nach zahllosen Jahren war sie wieder in die Kirche gegangen. Ein Gesang aus der Zeit bei den Nonnen war ihr in den Sinn gekommen: Wohin soll ich mich wenden? Nur dieser Anfangsvers, mehr nicht, den Rest hatte sie vergessen. Wie zuletzt in ihrer Kindheit kniete sie in einer Bank, im dämmrigen Kerzenschein, umhüllt von abgestandenem Weihrauchduft, der Altar matt erhellt vom ewigen Licht. Sie versuchte sich an ihre tausend Mal dahergeleierten Gebete zu erinnern, die einst zu ihrem Leben gehört hatten wie das morgendliche Aufstehen und die abendlichen Fußbäder. Alles hatte bei den Nonnen seinen wiederkehrenden Rhythmus. [...] Nun boten nicht einmal die alten Gebete, von denen sie kein einziges richtig behalten hatte, mehr Beistand. Man konnte auch nicht plötzlich wieder gläubig werden und sich von Gott beschützt wähnen. Es fühlte sich kalt an in der Kirche.

Bei den Nonnen hing im Speisesaal ein Gemälde, auf dem ein Kind am Strand mit einer Kelle Wasser schöpft und es in eine Kuhle gießt, während sich hinter ihm ein Mann im Bischofsornat zu ihm hinabbeugt. Dieser Bischof, hatten die Nonnen erklärt, will von dem Kind, das der kleine Jesus ist, wissen, warum es Wasser in die Kuhle schüttet. Ich will das Meer austrocknen, habe es geantwortet, worauf der Bischof erklärt, das sei aussichtslos. Worauf das Kind erwidert: Alle deine Versuche, dem Rätsel der Welt auf die Spur zu kommen, sind noch tausend Mal aussichtsloser. Solche von den Nonnen erzählten Geschichten waren viel schöner als das Leben bei ihnen. Vielleicht war ihnen nicht einmal klar, dass sie damit ihren eigenen Glauben untergruben.

Vielleicht malt man sich auch deshalb ein Jenseits aus, um sich nicht gänzlich der Welt ausgeliefert zu fühlen.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)