Zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller

"Jesus ist machtlos und läßt alles geschehn"

Vor dem Spiegel fiel mir ein, was in der Kirche auf dem höchsten Balken in der kalten Himmelswölbung steht: Komet ale zu mir die ihr müselig und beladen seit ich wil euch erquiken. Ich pflückte hinterm Brunnen einen Rosenstrauß und ging im Schatten meines Bauches durch das leere Dorf. Die Kirchentür stand offen. Die Schrift war hoch, der Schimmer reichte nicht zu mir herab. Vor der Kirche stand eine Leiter unterm Lindenbaum. Der Pfarrer stand im Schatten auf der letzten Sprosse oben wie ein ausgewachsner Hahn. Als er mich sah, streckte er die Arme in die Luft, als wolle er über den Kirchgarten flattern. Er sagte: Oh, die junge Frau. Wohin des Weges. Ich sagte: Auf den Friedhof, Euer Hochwürden. Der Pfarrer lächelte: Junge Frau, die Toten brauchen unsre Pflege nicht. Euer Hochwürden, unser Gebet, stotterte ich. Der Pfarrer schaute lang auf meinen Bauch: Sie hörens nicht. Die Toten haben keine Seele, junge Frau, sagte er leis. Ich schaute auf die leeren Leitersprossen: Euer Hochwürden, Sie sündigen, wenn Sie so reden. Ich hielt den Rosenstrauß vor meinen Bauch. Der Pfarrer sagte: Nur die Wolken kommen in den Himmel, junge Frau.
Aus: Herta Müller, Barfüßiger Februar. Berlin 1987. S. 39.

Jesus hat das schiefe, traurige Gesicht der Ikonen, ist machtlos und läßt in dieser Gegend trotz der starken Religiosität mit dem Leben alles geschehn.
Aus: Herta Müller, Barfüßiger Februar. Berlin 1987. S. 103.

Der Pförtner ist streng gläubig, hat die Pförtnerin zu Clara gesagt. Deshalb liebt er die Menschen nicht. Er bestraft jene, die nicht glauben. Und er bewundert jene, die glauben. Er liebt sie nicht, die glauben, doch er achtet sie. Er achtet den Parteisekretär, denn der glaubt an die Partei. Er achtet den Direktor, denn der glaubt an die Macht. Die Pförtnerin hat sich die Haarnadel aus dem Haar gezogen, sie in die Zahnlücke gesteckt und sich das Haar fester zusammengerollt. Die meisten, die an etwas glauben, hat Clara gesagt, sind hohe Genossen, die brauchen den Pförtner nicht. ... Manchmal glaube ich, manchmal glaube ich nicht, sagte Clara, wenn ich keine Sorgen habe, vergesse ich. Die Pförtnerin wischte mit der Ecke des Vorhangs den Staub vom Telefon, der Pförtner sagt, Glauben ist eine Fähigkeit, sagte sie. Die Arbeiter glauben nicht an Gott und glauben nicht an ihre Arbeit. Der Pförtner sagt, Gott ist für die Arbeiter nichts als ein freier Tag, an dem die Arbeiter, wenn Gott will, ein gebratenes Huhn auf dem Tisch haben.
Aus: Herta Müller, Der Fuchs war damals schon der Jäger. Reinbek bei Hamburg 1992 (Neuausgabe München 2009). S. 90.

Frau Margit ging jeden Tag in die Kirche. Vor dem Essen ging sie zur Wand, hob das Gesicht und spitzte die Lippen. Sie flüsterte ungarisch und küßte den eisernen Jesus am Kreuz. Ihr Mund reichte nicht bis zu seinem Gesicht. Sie küßte ihn ungarisch auf die Stelle seines Bauches, über der Jesus ein Tuch trug. ... Nur wenn Frau Margit im Zorn die Kartoffeln, die sie später schälte, aus der Kiste an die Wände schmiß, vergaß sie ihren Jesus und fluchte ungarisch. Wenn die Kartoffeln gekocht auf dem Tisch standen, küßte sie an der Stelle, wo Jesus das Tuch trug, alle Flüche wieder weg.
Aus: Herta Müller, Herztier. Reinbek bei Hamburg 1994 (Neuausgabe München 2007). S. 130.

Die Kontrolle des Bewußtseins kam mir vor wie in der Kirche beim Beichten die Kontrolle der Sünden. Ich sagte als Kind die Sünden auf: Ich habe gelogen, ich war neidisch, ich war faul. Ich habe Unkeusches gedacht, gehört, angesehen. Das so zu sagen, wäre erträglich gewesen, wenn da nicht nach jeder Sünde die Frage des Pfarrers gekommen wäre: Wie oft? Wer zählt schon mit, dachte ich mir, wer verbringt seine Tage den Strichlein eines Sündenbands entlang, wer sündigt schon in Zahlen, um sie später Gott zu beichten? Ich sagte dem Pfarrer eine Zahl nach jeder Sünde, wollte weder übertreiben noch untertreiben. Eine Wahrheit aber gab es nicht, und was ich sagte, war Lüge. Ich war verzweifelt. ... Ich werde es in diesem Sommer nicht mehr verstecken können, daß ich von Kopf bis zu den Zehen etwas Unkeusches bin. Daß ich nicht immer an Gott denken und meine Sünden zählen kann, wenn ich etwas tue. ... Das Unkeusche als Kategorie der Kirchensünde machte mich im Hinblick auf die äußere Umgebung nach innen schändlich klein. Es ging an die Substanz, im wörtlichen Sinne ans Fleisch jedes Körpers. Dieser Körper gierte nach dem Verbot schon allein dadurch, daß niemand ihn abstellen konnte.
Aus: Herta Müller, Hunger und Seide. Reinbek bei Hamburg 1995. S. 56, 58.

Sogar die letzten Jahre, als er bis in die Knochen voller Sünden war, ging er in die Kirche. Mit diesem Sündenhaufen wäre ich an seiner Stelle zuhaus geblieben.
Aus: Herta Müller, Heute wär ich mir lieber nicht begegnet. Reinbek bei Hamburg 1997. S. 183.

Meine Großmutter, die glaubte an Gott, betete morgens und abends, jeden Tag zu Hause für sich. Seitdem ihr Sohn im Krieg gefallen war, ging sie nur noch einmal im Jahr in die Kirche, am Tag der Kriegsgefallenen. Und an diesem Tag saß ich immer neben ihr. Mich lockte die große Gipsstatue der Heiligen Maria in die Kirche, weil man ihr Herz sah. Es war außen auf das hellblaue, zehenlange Kleid gemalt, sehr groß war es, dunkelrot mit ein paar schwarzen Tupfen drin. Mit ihrem erhobenen Zeigefinger machte sie auf ihr Herz aufmerksam.
Aus: Herta Müller, Heimat ist das was gesprochen wird. Blieskastel 2001. S. 36.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)