Das Motu Proprio "Omnium in mentem"

Bestimmt Angst die Amtstheologie?

(MFThK, 16.12.2009) Das neue Motu Proprio "Omnium in mentem" betrifft nicht nur das kirchliche Eherecht (vgl. Georg Bier), sondern auch die Theologie des Diakonats. Die Canones 1008 und 1009 des CIC lauteten bisher:
"Durch das Sakrament der Weihe werden kraft göttlicher Weisung aus dem Kreis der Gläubigen einige mittels eines untilgbaren Prägemals, mit dem sie gezeichnet werden, zu geistlichen Amtsträgern bestellt; sie werden ja dazu geweiht und bestimmt, entsprechend ihrer jeweiligen Weihestufe die Dienste des Lehrens, des Heiligens und des Leitens in der Person Christi des Hauptes zu leisten und dadurch das Volk Gottes zu weiden. Die Weihen sind Episkopat, Presbyterat und Diakonat. Sie werden erteilt durch die Handauflegung und das Weihegebet, welches die liturgischen Bücher für die einzelnen Weihestufen vorschreiben." (Siehe http://www.codex-iuris-canonici.de/buch4.htm#0106).
Infolge des Motu Proprio "Omnium in mentem" lauten die Canones nun:
"Durch das Sakrament der Weihe werden kraft göttlicher Weisung aus dem Kreis der Gläubigen einige mittels eines untilgbaren Prägemals, mit dem sie gezeichnet werden, zu geistlichen Amtsträgern bestellt; sie werden ja dazu geweiht und bestimmt, entsprechend ihrer jeweiligen Weihestufe dem Volk Gottes unter einem neuen und einzigartigen Titel zu Dienste zu sein. Die Weihen sind Episkopat, Presbyterat und Diakonat. Sie werden erteilt durch die Handauflegung und das Weihegebet, welches die liturgischen Bücher für die einzelnen Weihestufen vorschreiben. Die in der Weihe des Episkopates oder des Presbyterates bestellt sind, erhalten die Sendung und die Befähigung, in der Person Christi des Hauptes zu handeln; die Diakone hingegen die Vollmacht, dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebe zu dienen."
Der KKK in der Editio typica Latina von 1997 war trotz KKK 875 (im Internet findet sich vielfach noch die alte Fassung von 1993 ohne die Einschränkung auf die Bischöfe und Priester, siehe hier und selbst auf der Vatikan-Homepage) in der Frage, ob Diakone in persona Christi handeln, nach Ansicht von Stephan Steger, dem Liturgiereferenten des Würzburger Bischofs Friedhelm Hofmann, nicht stringent. Steger verweist in seiner Promotionsschrift Der Ständige Diakon und die Liturgie auf KKK 1581: "Durch eine besondere Gnade des Heiligen Geistes gleicht das Weihesakrament den Empfänger Christus an, damit er als Werkzeug Christi seiner Kirche diene. Die Weihe ermächtigt ihn, als Vertreter Christi, des Hauptes, in dessen dreifacher Funktion als Priester, Prophet und König zu handeln."
Der Dogmatiker Manfred Hauke urteilte, dass die Veränderungen in KKK 875 (in der Editio typica Latina von 1997) nicht intendieren würden, dem Diakonat ein Handeln in persona Christi abzusprechen. Der Dogmatiker Helmut Hoping schrieb 2000 mit Verweis auf CIC can. 1008/1009: "Der Diakon repräsentiert auf spezifische, diakonale Weise Christus als Haupt und Herrn der Kirche; auch er handelt deshalb in seinen amtlich-sakramentalen Vollzügen in persona Christi capitis." (Vgl. Schweizerische Kirchenzeitung 168 (2000) 281-284). Entscheidend für die gemeinsame Sendung der sakramental Ordinierten sei das agere in persona Christi capitis. Der Einheit des Ordo komme "besonderes Gewicht" zu. (Vgl. auch SKZ 167/1999: "Der Diakonat lässt sich nur dann als ordiniertes Amt begründen, wenn es Aufgabe auch des Diakons ist, Christus in und gegenüber der Gemeinde zu repräsentieren, wie dies bei der öffentlichen und amtlichen Wortverkündigung, bei der Eucharistiefeier (ministrare ad altare), der Feier der Sakramente (Taufe, Ehe) und der Leitung auch tatsächlich geschieht." Eine Dissoziierung "zwischen Bischof und Priester, die Christus als Haupt und Herrn der Kirche repräsentieren, und dem Diakon, der dagegen den Christos Diakonos repräsentiert", sei "nicht überzeugend", so Hoping). Auf der Homepage des Kleruskongregation heißt es in einem Referat von 2000, der Diakon müsse seine Dienste "vor allem aber in persona Christi ... ausüben."
Auch so unterschiedliche Theologen wie Bernd Jochen Hilberath (vgl. hier) und Heinrich Basilius Streithofen OP (vgl. NO 53/1999) plädieren dafür, die Formel "in persona Christi" auch auf das Amt des Diakons anzuwenden. Streithofen wörtlich: "Ob also Bischof, Priester oder Diakon, alle handeln sie in persona Christi."
Der Freiburger Diakon Matthias Mühl schrieb in seiner ausführlichen Studie Christsein und Lebensform (Paderborn 2007):
"Nach Lumen Gentium versteht das Konzil die Weihe als Bestimmung zum Dienst in der Kirche in persona Christi, d.h. als Berufung, die Gegenwart Christi in seiner Kirche ... auf besondere, genauerhin sakramentale Weise explizit zu machen." Das Christsein des Geweihten sei so geformt, "dass er ... in seinem amtlichen Handeln ... das heilschaffende Handeln Gottes in Jesus Christus in persona Christi sakramental repräsentiert."
Kann dies nach dem Motu Proprio "Omnium in mentem" noch für die Weihe zum Diakon gelten? Offenbar haben die Diakone nun nicht mehr "die Sendung und die Befähigung, in der Person Christi des Hauptes zu handeln." Kann die diesbezügliche Änderung des CIC nicht als eine Degradierung des Diakons aus Angst vor einem Profilverlust des Priesters sowie als Symptom einer Krise der priesterlichen Identität interpretiert werden? Ist sie nicht einer "institutionellen Privilegienlogik" geschuldet und hört man hier nicht "allzu deutlich die Selbstbehauptung der institutionell Privilegierten" (J. Werbick, Fundamentaltheologie, S. 765) heraus? Liegt diese Abgrenzung des Priesters gegenüber dem Diakon nicht auf einer Linie mit dem Denken der Piusbrüder ("Wenn das Priesterbild wieder klar erstrahlt ...", vgl. hier). Nach dem Motu Proprio "Omnium in mentem" gibt es in der römisch-katholischen Kirche offenbar ein Weiheamt, einen Kleriker (vgl. MP "Ministeria quaedam" von 1972, wonach der Diakon zum Klerus gehört), der nicht "in persona Christi" handelt. Handelt ein Diakon beim Spenden des Sakramentes der Taufe also nicht mehr "in persona Christi"? Kann man nach "Omnium in mentem" noch daran festhalten, dass der Diakon laut Bischof Gerhard Ludwig Müller mit hinein gehört in das "priesterliche sakramentale Heilswirken Christi in der Kirche" (vgl. hier)? Was bedeutet die Änderung des CIC durch "Omnium in mentem" für die immer wieder betonte Einheit des Weiheamtes, des sacramentum ordinis? Ein entscheidenes Argument gegen die Diakonenweihe von Frauen war bisher die Untrennbarkeit der drei Weihestufen sowie die Behauptung, dass auch der Diakon in persona Christi handelt (vgl. M. Hauke und G. L. Müller). Wird durch das Motu Proprio "Omnium in mentem" – gegen die Intention von Papst Benedikt, dem es wohl darum geht, dass ein bestimmtes (!) "Priesterbild wieder klar erstrahlt" – zumindest die Tür für die Diakonenweihe von Frauen einen kleinen Spalt weit geöffnet? Aus kanonistischer Perspektive wird angefragt, ob durch das neue Motu Proprio der KKK "einmal mehr zu einem rechtsverbindlichen Dokument erhoben" werde – was er ursprünglich nicht gewesen sei (vgl. F. Lappen).