Der neue Roman von David Mitchell: Die Knochenuhren

Am Altartisch blicken wir hinauf zu dem Fenster, in dem die Kreuzigung dargestellt wird. Aus einer Taube am Glashimmel ragen Speichen. Die beiden Marias, die zwei Jünger und der Römer, die am Fuß des Kreuzes sitzen, sehen aus, als würden sie sich darüber unterhalten, ob es gleich Regen gibt. Brubeck fragt: "Du bist katholisch, oder?"
Ich bin verblüfft, dass er sich über so was Gedanken macht. "Meine Mutter ist Irin."
"Dann glaubst du an den Himmel und an Gott und so?"
Seit vergangenem Jahr gehe ich nicht mehr in die Kirche: Das war bis heute Morgen der heftigste Streit zwischen Mam und mir. "Ich hab so was wie eine Religionsallergie."
"Onkel Norm sagt, Religion sei 'geistiges Paracetamol', und irgendwie hoffe ich, dass er damit recht hat. Wenn Gott an der Himmelspforte keine Persönlichkeitstransplantationen vornimmt, gibt's ein ewiges Familientreffen mit Typen wie meinem Onkel Trev. Ich kann mir nichts Höllischeres vorstellen." [...]
Die Sonne verschwindet und mit ihr das psychedelische Licht auf Brubecks Gesicht. "Andererseits, wenn ich todkrank im Hospiz läge, würde ich vielleicht alles geistige Paracetamol nehmen, was ich in die Finger bekäme."
Ich lege die Hand auf das Altargeländer. "Was ist ... was ist, wenn es doch einen Himmel gibt, aber immer nur für kurze Augenblicke? Wie ein Glas Wasser, wenn du an einem heißen Tag vor Durst fast umkommst, oder wenn jemand einfach so nett zu dir ist, oder ..." Mams Pfannkuchen mit Toblerone-Soße, Dad, wenn er aus dem Pub nach oben gerannt kommt, um mir schnell gute Nacht zu wünschen, oder Jacko und Sharon, die an jedem meiner Geburtstage anstatt "For She's a Jolly Good Fellow" "For She's a Squishy Marshmellow" singen und sich kaputtlachen, obwohl das überhaupt nicht witzig ist, oder Brendan, der seinen alten Plattenspieler lieber mir schenkt als einem seiner Kumpel. "Vielleicht ist der Himmel nicht wie ein Gemälde, das für immer an der Wand hängt, sondern eher so was wie der beste Song aller Zeiten, ein Song, den du immer nur in Fetzen hörst, aus vorbeifahrenden Autos oder ... oben aus einem offenen Fenster, wenn du dich verlaufen hast ..."

"Warum hilft ein barmherziger Gott uns nur, wenn wir ihm unsere Stimme geben?", fragt Molly.
"Man muss ihn um seine Hilfe bitten", sagt Betty Power. "Dazu sind Gebete da."
"Molly wollte aber wissen", erwidert Pat Joe, "warum er unsere Gebete nicht direkt erhört. Warum müssen wir ihn erst wählen?"
"Damit die Kirche wieder die Rolle spielt, die ihr gebührt", sagt Betty Power. "Unser Land zu führen."
Die Gemüter erhitzen sich, aber ich könnte ebenso gut einer Schar Kinder lauschen, die sich über das Schalten und Walten des Weihnachtsmanns streiten. Ich weiß, was nach dem Tod geschieht [...] Mag sein, dass auf die Seelen hinter dem Letzten Meer das Jenseits wartet, aber selbst wenn, hat das nichts mit dem Jenseits zu tun, von dem Priester und Imame sprechen. Es gibt keinen Gott, außer dem, den wir uns erfinden, könnte ich den Kirchgängern versichern: Die Menschen sind auf sich allein gestellt und sind es immer gewesen ...
. . . aber meine Wahrheit klingt auch nicht vernünftiger oder verrückter als ihr Glaube, und wer hat das Recht, den Weihnachtsmann zu töten? Einen Weihnachtsmann, der verspricht, die Coogans wieder mit ihrem toten Sohn zu vereinen, Pat Joe mit seinem toten Bruder, mich mit Aoife, Jacko, Mam und Dad; die Eindunkelung zu beenden und uns Zentralheizung, Internetshopping, Ryanair und Schokolade zurückzubringen. Die Sehnsucht nach unseren Lieben und unserer verlorenen Welt brennt wie Trauer: Sie schreit danach, gestillt zu werden. Würde sie uns bloß nicht so empfänglich machen für Leute wie Father Brady.

"Bevor sich Sharon und Pete das Ja-Wort geben, wollen wir kurz darüber nachdenken, worauf die beiden sich da einlassen ..." Pfarrerin Audrey Withers hat ein schelmisches Lächeln. "Was ist die Ehe überhaupt, und wie würden wir sie einem außerirdischen Ethnologen erklären? Sie ist mehr als eine Haushaltsgemeinschaft. Ist sie eine Prüfung, ein Versprechen, ein Symbol oder ein Bekenntnis? Eine Zeitspanne aus gemeinsamen Jahren und gemeinsamen Erfahrungen? Ein Ort inniger Verbundenheit? Oder trifft es doch der alte Witz am besten? 'Wenn die Liebe ein wunderbarer Traum ist, dann ist die Ehe der Wecker.'" Vornehmlich männliches Gelächter verstummt unter Pssst-Gezische. "Vielleicht fällt uns die Antwort so schwer, weil die Ehe so viele Gesichter hat. Sie wandelt sich über Jahrhunderte und Generationen, unterscheidet sich in verschiedenen Ländern und Kulturen und - wie unser außerirdischer Forscher vielleicht hinzufügen würde - von Planet zu Planet. Es gibt politische Ehen, heimlich geschlossene und arrangierte Ehen, Zwangsehen, Ehen ohne Trauschein, oder aber, wie im Falle von Sharon und Peter-", sie strahlt hinüber zum Brautpaar in weißem Kleid und Cut, "- zwei Menschen heiraten aus Liebe und Achtung füreinander. Jedes Ehepaar erlebt ruhige und schwierige Phasen. Sogar an einem einzigen Tag. Manchmal gibt es morgens Gewitter, doch am Abend haben sich die Wolken verzogen, und es herrscht wieder blauer Himmel ..." [...]
"Jesus", fährt Pfarrerin Withers fort, "äußert sich nur an einer Stelle direkt zur Ehe: 'Was aber Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen.' Seit Jahrhunderten sind sich die Theologen uneinig, was dieser Satz genau bedeutet, was für uns den Vorteil hat, dass wir nicht nur über Jesu Taten, sondern auch über seine Worte nachdenken können. Viele von uns kennen die Geschichte von der Hochzeit zu Kana, denn sie wird bei den meisten christlichen Trauzeremonien aufgetischt, auch in dieser. Auf der Hochzeitsfeier in Kana war der Wein ausgegangen, also bat Maria Jesus, das Fest zu retten, und nicht einmal der Sohn Gottes war imstande, einer resoluten Mutter eine Bitte abzuschlagen. Er rief die Diener auf, die Weinkrüge mit Wasser zu füllen, doch als die Diener ausschenkten, kam Wein heraus - kein billiges Gesöff, sondern ein Spitzenwein. Der Küchenchef sagte zum Bräutigam: 'Alle anderen servieren den besten Wein zuerst und schenken den billigen aus, wenn die Gäste besoffen sind, aber du hast den besten Wein bis zum Schluss aufgehoben.' Wie menschlich vom Sohn Gottes, dass er bei seinem Debüt als Wundertäter nicht Tote auferstehen ließ, Leprakranke heilte oder übers Wasser ging, sondern sich als guter Sohn und treuer Freund erwies." Pfarrerin Audrey blickt über unsere Köpfe hinweg, als sähe sie sich ein Kana-Heimvideo an. "Wenn Gott eine feste Vorstellung davon gehabt hätte, wie die Ehe zwischen zwei Menschen aussehen muss, hätte er uns in den Evangelien sicher klare Anweisungen gegeben. Und darum glaube ich, dass er uns zutraut, dass wir das Kleingedruckte selber lesen."

Meine Gedanken stehlen sich davon zu einem Friedhof in Cornwall, wo sich jetzt ein bis gestern als Jonny Penhaligon bekannter Giftmüllsack in schlammiger Erde zu seinen Ahnen begibt. Wahrscheinlich regnet es in Strömen, und das Pfeifen des Ostwinds, der sich an die Schirme der Trauergäste klammert, übertönt "Etemal Father, Strong to Save", dessen Text noch schnell auf D1N-A4-Zettel fotokopiert wurde. Die Kluft zwischen mir und den Normalmenschen tritt nirgends deutlicher zutage als bei Leid und Trauer. Schon im zarten Alter von sieben, als unser Hund Twix eingeschläfert wurde, schämte ich mich abgrundtief für meine Familie. Nigel heulte sich die Augen aus, Alex reagierte so erschüttert, wie er es nicht einmal getan hatte, als sein Sinclair ZX Spectrum ohne Netzteil geliefert worden war, und meine Eltern zogen tagelang trübsinnige Gesichter. Warum? Twix war von seinem Leid erlöst worden. Und wir mussten endlich nicht mehr die Furze eines darmkrebskranken Hundes riechen. Beim Tod meines Großvaters war es dasselbe: Haare raufen, verzweifeltes Händeringen, und der geizige alte Knacker wurde zur Heiligengestalt verklärt. Alle lobten mich für meine tapfere Haltung bei der Beisetzung, aber hätten sie meine Gedanken lesen können, sie hätten mich als Soziopathen beschimpft. Hier kommt die Wahrheit: Wer von der Liebe verschont bleibt, bleibt auch von Leid verschont.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)