Das neue Buch von Thomas Melle:
Die Welt im Rücken

Es muss also um den zehnten Januar herum gewesen sein. Ich wachte auf und war sofort panisch. Das Hirn drückte gegen die Schädeldecke. Ich fasste mir an den Kopf. Meine Glieder kribbelten taub. Was war das? Von meinem Kopf ging ein Übel aus. Ich sprang auf, die Panik hielt an. Wohin mit mir? Da war zu viel Energie. Mehr konnte ich nicht sagen. Ich konnte gar nichts sagen, war ohne Worte, Ich wusste nicht, wohin mit all den schlechten Kräften, die durch mich hindurchschossen. Ich hechtete hin und her, durchs Zimmer, überbordend alles, aufgebracht, was war denn los? Stand lange unverständig vor meiner vollgehängten Kleiderstange. Da war auch keine Sammelstelle namens Ich mehr. Da waren nur Qualia, Sinneseindrücke, um einen tierischen Instinkt herum, und Gott.
Gott? Ich blickte zum Fenster, sah hinaus in den grauen Himmel. Er blickte zurück. Da war tatsächlich Gott. Welcher Gott denn? Was? Ich spürte ihn, es, seinen Blick. Der Himmel starrte mich wirklich an. Verdammte Scheiße: Gott. Mir wurde schlecht.

Gott hatte ich verloren, als ich das Beten optimierte. Seit frühester Kindheit hatte ich jeden Abend zwei lange Normgebete gesprochen, und zwar mit enervierender, masochistischer Langsamkeit, um bloß nicht der Eile und Oberflächlichkeit bezichtigt werden zu können. Zwischen beiden hatte ich immer ein ziemlich langes Zwiegespräch mit Gott geführt, eine tatsächliche Rekapitulation des Tages vorgenommen wie auch eine Wunschliste für den nächsten Tag und die nähere Zukunft erstellt. Die Gespräche bildeten das Kernstück dieses Rituals im Dunkeln, die beiden Standardgebete den Rahmen. Irgendwann mit elf oder zwölf Jahren dann fingen die Gebete an, sich immer schneller abzuspulen, auch das Zwiegespräch beschränkte sich nun auf das Wesentlichste und arbeitete bald mit Wiederholungen und Textbausteinen. Ich war dabei, das Beten zeitlich und formal zu optimieren. Der Pragmatismus zog in mein Kinderbett ein. Die Rahmengebete wurden immer rasender und schneller heruntergerasselt, das eigentliche Gespräch kaum mehr durchdacht. Das Kreuzzeichen war ein kurzes Fingersteppen auf der Brust. Als das Ganze schließlich nur noch einem schludrig hingerappten Sprachwirrwarr glich, ließ ich das Gebetsritual sein. Damit starb aber auch Gott. Das schockierte mich, doch es führte kein Weg zurück. Mit der Ansprache der Instanz fiel auch der Glaube an ihre Existenz weg. Als mich dann noch ein uralter, hagerer Pater [...] in der Beichte fragte, ob Masturbation denn schon ein Thema für mich sei, hatte es sich auch mit der Institution erledigt. Ich ging nicht mehr zur Beichte, die baldige Firmung schlug ich aus. Die Kommunion in der obligatorischen Schulmesse ließ ich ebenfalls bleiben. Es gefiel mir nicht, aber ich war nun Atheist. Und ahnte: Wo die Form zerfällt, zerfällt auch der Inhalt.

Nietzsche hatte Gott nicht totschreiben können, doch ich hatte ihn in meiner Ignoranz einfach totgelebt.

Als ich mein Studium abschloss, nach der letzten mündlichen Prüfung, setzte ich mich mit einer Bierdose, die wie ein Zitat in meiner Hand lag, auf die Wiese nahe dem Komparatistischen Institut. [...] Die Sonne schien, es war Mittag. Ich meinte in mir zu spüren, wie der soeben noch theoretisch abgehandelte Begriff der "Versöhnung" bei Adorno, möglichst hochtrabend in der Prüfung dargelegt und expliziert, nun seine wirkliche Entsprechung in mir fand. Ich war mit allem versöhnt, war Subjekt wie Objekt, sanft entgrenzt, saß da mit dem Bier, sah mich um, komplett glücklich. [...] Die Bäume waren Freunde, die Wiese ein Fetzen des Paradieses, der Himmel erhaben und offen.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)