Zum Tod von Markus Werner

"Müsste nicht jedes Geschöpf, das auch nur einen Bruchteil der Umstände und Ursachen seiner Entstehung überblickt, in einen Schwindelzustand geraten? Ist Gleichgewicht nur ein Symptom der Ahnungslosigkeit?"

"Ich sagte, dass kein totes Individuum den Tod des Individuums verkünden und beklagen könne. Und wenn die Dichter, sagte ich, das Ich nicht fallen lassen, zeugt das vielleicht von Treue und kann sogar als Akt des Widerstands begriffen werden, als denkmalpflegerische Leistung, denn jede denkmalpflegerische Leistung ist auch ein Akt des Widerstands."

"Für mich ist Treue, verstanden als Gegenkraft zur grassierenden Vergeßlichkeit, eine Tugend. Ohne Sinn für die Gewordenheit dessen, was ist, d.h. ohne historisches Bewusstsein bleibt das Gegenwärtige sowohl unbegriffen als auch unrelativiert. Auf schlechte Weise konservativ wäre es aber, wenn man die vergangene Zeit, gemessen an der heutigen, grundsätzlich für heiler hielte."

Es war ein Mann, ein Ritter, jung, reich und klug, edel gesinnt und im Verhalten einwandfrei: Ratlosen ein Berater und Hilfesuchenden ein Helfer und Schutzbedürftigen ein zuverlässiger Beschützer, kurzum, er lebenswandelte vortrefflich und obendrein auch gern und unbeschwert, und er erfreute sich der Achtung und der Liebe vieler, er war im Glück.
An dieser Stelle habe ich das Büchlein ... schon zugeklappt und mich gefragt, wie die Geschichte weitergehen könnte. So sonnig wird und darf es, hab ich mir gesagt, nicht bleiben, es widerspräche nicht nur der Erfahrung, es widerspräche auch der sadomasochistischen, das heißt der jüdisch-christlichen Tradition, in der sich immer dort, wo Erdenglück sich breitmacht, Gottes Faust hebt. ...
Eines Tages geschah es. Auf den ahnungslos blühenden Ritter sauste die Faust: Aussatz befiel ihn. Der Ritter, in Staub und Finsternis geschmettert, siech, triefäugig, entstellt von Flecken, Knoten und Geschwüren, wurde den Menschen zum Ekel, man mied ihn, und er versank in Bitterkeit, gab sich der Trauer hin, verfluchte gar den Tag, da er geboren ward. ...
An dieser Stelle habe ich das Büchlein zugeklappt und weggelegt und mich gefragt, wie die Geschichte weitergehen könnte. So trostlos wird und darf es, hab ich mir gesagt, nicht bleiben, dies widerspräche zwar nicht der Erfahrung, wohl aber der jüdisch-christlichen Tradition, in welcher immer dort, wo Elend ist, die Gnade des Allmächtigen gleichsam im Startloch sitzt.

Verbindlich Positives würde ich nicht glauben, verbindlich Negatives ertrüge ich nicht.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)