Nachruf in der NZZ

Aus dem Notizbuch

Lieber Gott,
komm doch endlich und erlöse
die Welt von den Erlösern.
Und erlöse mich von mir selbst.
Und erlöse die Welt von mir.
Lieber Gott,
ich glaube, wir haben einander viel zu erzählen,
von Dingen, die waren und nicht.
Eine ganze Ewigkeit von Dir und mir,
die Du großzügig verschenkt hast
den Menschen, die nicht wissen
was mit der Stunde anzufangen.
Und dann bau eine Leiter in den Himmel, keinen Turm,
damit wir zu Dir steigen können.
Und schicke einen Raben auf den Ararat, nicht eine Taube,
für die neue Arche.
Und bau einen Atomreaktor für das Ende vom Anfang.
Wo Adam wieder beginnen soll, die Eva zu begehren,
die, mit dem Apfel.
Auch den Baum mit der Schlange vergiss nicht.
Sie gehören dazu als wichtiger Faktor der Geschichte.
Und mich sollst Du nicht vergessen,
den Versemacher, Dichter genannt.
Damit ich über Dich schreibe und dich lobe über den Klee
für die Geschichte mit dem Hiob.
Und den Teufel Mephisto vergiss bitte nicht,
der Böses will. Ist er doch die Kraft in diesem Weiterspiel.
Der Haarige mit dem dunklen Blick, dem's um die Wette ging,
die er gewann. Und so vieles noch, dass es mir schwindlig wird
vor so viel Erinnerung und Vergessenheit.
Und den heiligen Jesus, den Sohn und Mann der heiligen Frau,
man weiß es nicht so genau. Und Judas. Das heilige Abendmahl.
Nun hab ich mich im eigenen Netz verwickelt
und weiß nicht, wie es weitergehen soll oder nicht.
Du weißt es doch besser als ich, der Unwissende.
Oder weißt Du es nicht?
Wenn dem so ist, erzähl ich's wieder einmal noch,
Mit Gottes Hilfe natürlich.

Eine kleine Auswahl von Gedichten Winklers wurde 2005 in der Zeitschrift des Theologischen Studienjahres Jerusalem abgedruckt. Sechs Gedichte aus seinem letzten Gedichtband finden sich als Leseprobe auf der Webseite des Berliner Verlages "Edition Noack & Block".

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)