Zum Tod von Gregor Dorfmeister

Horber kniete neben dem Toten. In seinen Gedanken stand er vor dem lieben Gott. Er hatte seit zwei Jahren keine Beziehung mehr zum lieben Gott gehabt, jetzt stand er vor ihm. Karl Horber hatte ganz genaue Vorstellungen vom lieben Gott. Ein alter Herr, in einer weißen Robe, mit einem langen silbernen Bart. Die Vorstellung Horbers deckte sich genau mit jenem Bild im Zimmer seiner Großmutter, vor dem er als kleiner Bub so oft gestanden hatte. Jetzt war dieses Bild wieder vor ihm und plötzlich, nach zwei Jahren, hatte er ihm eine Menge zu sagen.
Lieber Gott, sagte Horber in Gedanken, lieber Gott, warum er? Erklär mir das, erklär mir das doch, oder ich werde wahnsinnig! Warum ausgerechnet der Kleine, der keinen Vater hat, keine Brüder, keine Schwestern, nur eine arme, alte Mutter, die auf ihn wartet? Auf ihn ganz allein wartet! Horber rechnete, haderte, war verzweifelt.
Und im nächsten Moment schon flehten seine Gedanken: Bitte, bitte, lieber Gott, wenn du es schon so hast passieren lassen, wenn das schon nicht anders ging, bitte, sei lieb zu ihm, nimm ihn zu dir, lass es ihm gut gehen –, sehr gut gehen! Er hat keine Sünden, lieber Gott, nicht die geringsten. Er war ja so jung und dumm. Schau mich an, ich hab sie – viele. Aber er – er war gut.

Hager liebte es, an Sonntagen in der Kirche der kleinen Stadt zu knien. Seltsam, dachte er hin und wieder mit schlechtem Gewissen, ich gehe in die Kirche, aber ich kann nicht beten! Er kam pünktlich zum Hauptgottesdienst, kniete in seiner Bank und begann, ein Vaterunser zu beten, aber plötzlich war er mit seinen Gedanken weit fort. Irgendwo dort droben unter dem hohen Gewölbe schwebten seine Gedanken, ließen sich forttragen vom brausenden Orgelklang, vom Jubel des Chors, erlebten ehrfurchtsvoll die Atmosphäre, die Weihrauch und brennende Kerzen, die Zahl der andächtigen Beter dem weiten Raum gaben.

Einmal hatte er gebeichtet, dass er nicht betete in der Kirche, nicht beten konnte, nur sitzen und lauschen, in sich hineinhören. "Das ist keine Sünde", hatte der Priester leise gesagt.

"Du sollst nicht töten" gehörte zu jenen Geboten, von denen Albert Mutz glaubte, dass er nie in seinem Leben auch nur in Versuchung käme, sie zu brechen. Eine farbige Bildtafel in dem Alten Testament, das im Bücherschrank seiner Mutter stand, zeigte, wie der Herr dem Kain zürnte, der den Abel erschlug. Und jedes Mal wenn der kleine Albert das Bild betrachtete, erschauerte er vor dem Zorn, der aus den Augen Gottes loderte. Und er glaubte, dass er nie in seinem Leben töten könnte.

Am nächsten Tag gingen Albert und seine Mutter gemeinsam zur Kirche. Vor einem Bild, das, von unbeholfener Hand gefertigt, die Qualen der armen Seelen im Fegefeuer auf drastische Art darstellte, blieb die Mutter stehen. Lange starrte der Bub auf die schaurige Abbildung, vor der einige Kerzen brannten, dann fragte er: "Was tun die da, Mami?"
"Sie büßen für ihre Sünden, Albert!", sagte die Mutter.
"Was ist das, büßen?"
"Wenn jemand etwas Böses tut, Albert, dann tut er auch dem lieben Gott sehr weh. Weil der liebe Gott, der die ganze Welt und dich und auch mich erschaffen hat, uns alle lieb hat. Und er will nicht, dass einer dem anderen etwas antut, das macht ihn traurig! Böses tun heißt eine Sünde begehen und Sünden muss man bereuen. Man muss für sie büßen."

Und dann hörte Albert Mutz seine Mutter sagen: Du sollst nicht töten, du sollst keinen Menschen und kein Tier quälen, du sollst keine Schmerzen bereiten. So will es Gott. Und jetzt war er ein Mörder geworden.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)