Der erste Roman von Jonas Lüscher

Er war ein Sehender, er hatte die Natur der Dinge in ihrer unauflöslichen Komplexität geschaut, aber sein Schauen war nicht von jener Art, welches ihm erlaubt hätte, sich in das priesterliche Gewand der Seelenfrieden versprechenden Reinheit und Eindeutigkeit zu kleiden, ganz im Gegenteil, er hatte begriffen, dass es außerhalb der Geschichte nichts gab, dass nichts und vor allem niemand eine unveränderliche Natur besaß. Er wusste, dass nichts einfach war, nie. Er war für alle Zeiten verloren.

Was ist schon das Leid des Einzelnen gegenüber der Großartigkeit des Ganzen, und diese, so erscheint es Kraft plötzlich ganz logisch, ist ja wohl unbestreitbar, denn schließlich heißt es nicht umsonst whatever is, is right.

Er setzte sich wieder an seine Arbeit und verfasste einen launigen Abschnitt zu Stendhals Bemerkung, die einzige Entschuldigung für Gott sei, dass es ihn nicht gebe, und leitete danach elegant über zu einigen Gedanken zur Autonomie und Selbstermächtigung des Menschen, die selbstredend im Zentrum einer modernen Theodizee zu stehen habe.

Theologisch lässt sich der Wunsch nach Unsterblichkeit doch mit links begründen. Der Mensch muss irgendwann selbst zum Gott werden, sonst hätte ihn dieser nicht nach seinem Ebenbild geschaffen und mit Freiheit und Entwicklungspotenzial ausgestattet. Und die Analogie ist geradezu von verblüffender Schönheit: Gott erschuf den Menschen nach seinem Bild, so, wie der Mensch den Roboter nach seinem Bild erschafft, und irgendwann wird der Roboter zum Menschen, und genau so, wie Gott die Gottwerdung des Menschen begrüßen wird, werden wir Menschen die Menschwerdung der Technik begrüßen.

Transhumanismus, Posthumanismus, Transzendenz unserer Spezies, notiert Kraft, und posthumaner Transtheotechnismus. Ein neues Zeitalter wird anbrechen, so neu und so anders, dass niemand in der Lage ist, es zu beschreiben. Aber eines wird Kraft versprechen, es wird gut werden ... so gut! Es muss!

Der denkende Teil der Menschheit lässt sich grob in zwei Klassen einteilen, in die der Igel und die der Füchse, wobei die Igel ihr gesamtes Denken einem einzigen ordnenden, universalen Prinzip unterstellen und sich damit einem System verschreiben, welches allein allem, was sie sind und sagen, Bedeutung verleiht, während die Füchse unter den Denkern sich weigern, ihr Denken einem System zu unterwerfen und stattdessen frei flottierend das Wesen einer großen Vielfalt von Erlebnissen und Gegenständen um ihrer selbst willen ergreifen und es sich versagen, auf ein widerspruchsloses, unabänderliches und vollständiges Ganzes zu hoffen. Eine tiefe Kluft ist zwischen diesen beiden Arten von Menschen auszumachen.

Das Dasein als Fuchs hatte ihn ermüdet. Nichts war einfach, nie, und darüber hatte er sich den Mund fusselig geredet und das Hirn wund gedacht. Er sehnte sich nach festem Grund, danach, nur noch eine Sache wissen zu müssen, auf der alles gründete, auf die sich alles andere beziehen ließ.

Sicher, nichts war einfach, nie, und die Igel irrten sich, aber gelegentlich, so redete er Kraft ins Gewissen, komme es darauf nicht an, weil man schlicht und einfach einen politischen Punkt machen müsse. Wenn es darum gehe, die Freiheit zu verteidigen, dann sei der Zweifel fehl am Platz und es brauche ein hier steh ich nun und kann nicht anders.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)