Der Debütroman von Stephan Lohse

Leise fragt Mami Ben, ob er den kleinen Engel auf dem Sarg seines toten Bruders erkennen könne.
"Ja", flüstert Ben.
Mamis Stimme klingt sonderbar heiser, als sie sagt: "Er soll uns daran erinnern, dass der liebe Gott einen Engel gebraucht hat. Und dafür hat er sich Jonas ausgesucht."
Fauler Gott. Fauler Kackgott.

Pfarrer Menke blättert in seinem Buch und liest ein Gedicht über einen Stecken und einen Stab vor. Er kann die Bibel leider nicht auswendig.
"Mir wird nichts mangeln, beten wir, und wissen doch, dass Jonas uns fehlen wird", predigt Pfarrer Menke, obwohl er Jonas eigentlich nicht gekannt und er ihm bisher auch nicht gefehlt hat. Doch nun fehlt er ihm, und es graut ihm vor dem finsteren Tal der Trauer, das vor ihm liegt. "Du bist bei mir, beten wir, doch wissen wir es? Ist der Herr bei uns? Ist er bei jedem einzelnen von uns?"
Ben kann hören, dass Mami leise "Nein" weint.

"Wie ist das Buch?", fragt Sebastian.
"Spannend", antwortet Ben.
"Im dritten Teil stirbt Winnetou. Als ich das gelesen habe, habe ich geweint."
Ben kann sich nicht vorstellen, dass Sebastian jemals weint.
"Woran stirbt Winnetou denn?"
"Er wird in die Brust geschossen und verblutet in den Armen seines weißen Bruders. Old Shatterhand betet für ihn das Ave Maria, und Winnetou stirbt als Christ."
"Muss man immer beten, wenn jemand stirbt?"
"Wenn man an Gott glaubt schon."
"Und wenn nicht?"
"Zu wem willst du dann beten?"
"Gibt es den Himmel auch ohne Gott?"
Sebastian denkt nach. "Hast du was gegen Gott?"
"Nein."
"Aber du magst ihn nicht?"
"Nein."
"Wieso nicht?", fragt Sebastian.
Ben zieht die Schultern hoch und vergisst, sie fallen zu lassen.

In der Kirche soll Gott wohnen.
Ben steigt vom Klapprad und setzt sich der Kirche gegenüber auf den Bordstein. "Achtung! Gott Bescheid sagen. B. S. sitzt vor Kirche."
Nichts geschieht. Gott ist zu beschäftigt. Er wohnt gleichzeitig auch in allen anderen Kirchen der Erde. Er hört dort den Menschen beim Beten zu. Er hört auch die Menschen, die es nicht in die Kirche geschafft haben und zu Hause beten oder bei der Arbeit. Er soll sogar auf die Menschen hören, die überhaupt nicht beten. Wie soll das gehen? Wie soll sich Gott das alles merken können? Und wie soll er die richtigen Entscheidungen treffen? Wenn die Schwimmer bei der Olympiade um den Sieg beten, wie entscheidet Gott? Er ist faul, er lässt immer nur Mark Spitz gewinnen. Jemand in seiner Klasse betet, dass Bio ausfällt, Dorothea aber nicht, weil Bio das Einzige ist, was sie kann. Warum stirbt jemand, obwohl niemand dafür gebetet hat, und warum lebt jemand, obwohl er es nicht mehr möchte?

Gott ist faul in seiner Allmacht, und es bereitet ihm Freude, den Brüdern die Brüder zu stehlen und den Müttern ihre Kinder. Er ist unersättlich. Es gibt im Himmel mehr Tote als Lebende auf der Erde.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)