Der neue Bestseller von Siegfried Lenz: Der Überläufer

"Gott hat einen Fehler gemacht, indem er uns nach seinem Ebenbild schuf. Das kommt ihm jetzt schlecht zu stehen, denn sobald wir in Streit mit ihm geraten, spielen wir seine Fähigkeiten, die er uns lieh, gegen ihn selbst aus. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken."

"Schau, Walter: wir haben uns in der Welt nach dem Guten zu orientieren. Das klingt banal, ich weiß. Aber da sich das Böse in mancherlei Gestalt gibt, ist es notwendig, verseuchte Vorsätze zu revidieren, die schadhaften Stellen ausfindig zu machen und die Löcher in den Ergebnissen unserer Erkenntnis abzudichten. Und das erfordert ein ungeheures Maß an analytischer Fähigkeit und eine radikale Offenheit gegen sich selbst. Man muß die Kraft haben, einer Sache, der man zwanzig Jahre lang nachgelaufen ist, einen Fußtritt zu geben, wenn man einsieht, daß diese nicht nur falsch, sondern gemein, hinterhältig, gefährlich und mörderisch ist. Du weißt vielleicht, was ich meine. Wir müssen uns vor den nationalen Rattenfängern hüten. Weghören, Wasser in die Ohren laufen lassen, Wachs in die Gehörgänge! Neben der Freiheit lobe ich mir die Skepsis. Wir sollten den Dung der Freiheit in die Herzen karren und darauf die Skepsis pflanzen. Verstehst du mich?"

"Warum hält die Welt denn nicht die Luft an? ... Warum fliegen denn die Krähen über das Feld? ... Begreift denn keiner, was geschehen ist? ... Gibt es denn keinen Augenblick, in dem das Leben sich einmal unterbrechen könnte? ... Aus Ehrfurcht? Warum seid ihr so gleichgültig, so geduldig, so zynisch? Empfindet ihr denn nichts dabei? ... Seid ihr so abgestumpft gegen meinen Schmerz? ... Läßt euch meine Qual nicht verstummen? ... Bin ich denn nichts? ... Muß denn alles unbemerkt bleiben? ... Warum haltet ihr nicht das Herz an? ... Ist mein Schmerz so wenig der eure?"

"Unter den Fingernägeln setzt sich als Trauerrand die Tradition ab, und weil sie rasch zunimmt, und weil man nicht an ihr leiden möchte, pult man sie dann und wann heraus. - Weißt du, warum es unter den Affen keinen Fortschritt gibt? Weil sie die revolutionäre Bedeutung der Hygiene noch nicht entdeckt haben."

Zacharias beugte sich hinab und faltete die Hände des erschossenen Pfarrers über der Brust.
"Vielleicht kann er wirklich nichts dafür", sagte er.
"Du meinst, für seinen Tod?"
"Ja."
"Glaubst du denn, daß der etwas zu seiner Geburt beigetragen hat? Wir können uns nicht dagegen wehren, auf die Welt zu kommen, und wir haben nicht Einfluß genug, um unser Leben so lange zu verlängern, wie es uns beliebt. Darum sehe ich nicht ein, daß man die Toten mehr beklagen soll als die Ungeborenen. Wenn du schon dein Mitleid an den Mann bringen willst, so bejammere das Kind, das deine Frau dir bringen will."

"Und du kannst dich ja immer damit trösten, daß der Tod nichts anderes ist als die letzte und wahrscheinlich auch die rätselhafteste Form des Schlafes. Der bürgerliche Schlaf - und darin allerdings unterscheidet sich dieser vom Tode - ist eine befristete Ferienzeit, eine zweckvolle Funktion. Sag nur nicht, daß der Tod deshalb ohne rechte Bewandtnis neben uns einhergehe. Er wird schon wissen, warum er unser Nachbar bleibt. Wir natürlich wissen das nicht und keiner von uns wird es jemals erfahren. Er läßt sich nicht zu Gesprächen mit uns herab, der Tod ist mit Recht eingebildet. So manch einer, der sich mit ihm einließ, um sein Rätsel zu zerbrechen, sah ein, daß die Erkenntnis, die er gewann, ein neues Rätsel enthielt. Du sollst nicht glauben, daß ich nur in Furcht zu ihm aufblicke und mich quäle, wenn er mich, seinen Nachbarn, länger als gewöhnlich ansieht. Denn ich sage mir dann immer, daß sein Blick genausogut einem anderen, der neben mir steht, gelten könnte; und neben mir stehen ja so viele. Es hätte keinen Zweck und grenzte schon an Torheit, wollte man versuchen, ihn zu täuschen, das heißt, sich seinen Blicken zu entziehen. Der Tod muß ein Mann sein, er ist stolz und stark. Vater, der doch gewiß viel Kraft hatte, wurde von ihm mit nicht größerer Anstrengung umgeworfen, mit der ich ein zweijähriges Kind zu Fall bringen könnte."

Die Gerechtigkeit wohnt nicht in der Faust, sondern im Kopf. Gerechtigkeitssinn hängt nicht vom Geist des einzelnen ab. Der Geist ist unsterblich. - Was bedeutet daher schon der Tod für einen Menschen, der das Leben des Geistes gelebt hat. Bestenfalls nichts. Jedenfalls eine Befreiung von den profanen Sorgen dieser Welt. - Soll man sich mehr mit dem beschäftigen, was moralisch ist, oder mit dem, was uns nützt? Das Moralische nützt nicht überall. Das Nützliche ist nicht immer moralisch. Beweis: die Theorie des Staates. Es werden Bosheit, Falschheit und Grausamkeit ungeniert angewendet. Und manche Staaten, die das betrifft, haben dafür eine verblüffende Antwort bereit, eine Erklärung aus dem Rockärmel sozusagen. Sie antworten: wenn alle Menschen Engel wären, könnte der Staat auf die Anwendung solcher Mittel verzichten. Diabolische Ironie. Dialektik der Despoten. Kann man Leidenschaften in die Kammern der Vernunft einsperren? Was sind eigentlich Gesetze? Geordnete, gezügelte Brutalität. - ... Ein Staat müßte moralisch sein wie die Natur. Es sollte nur Untertanen der Moral oder des Gewissens geben. Die Demut als Verfassung; erster Artikel: Barmherzigkeit.

"Der untätige, der passive Pazifismus ist ein impotentes Gespenst. Wer nur immer sagt: Ich bin gegen den Krieg und es dabei bewenden läßt und nichts außerdem tut, damit der Krieg ausgerottet wird, der gehört ins pazifistische Museum. Wir müssen zu einer Form des aktiven Pazifismus kommen, zu einer gerade in diesem Fall sehr ernsten und rabiaten Handlungsbereitschaft. Mit Denkbemühungen allein ist nichts getan. Wenn wir zu einem festlichen Leben gelangen wollen, muß schon ein aktives Leben in Kauf genommen werden. Wer kontrolliert denn die Werte der Welt? Du, du allein. Nur im Scheinwerferbewußtsein des einzelnen bekommen und behalten die Dinge ihren Wert. Die moralischen Motive sind immer Sache des einzelnen. Wir sollten endlich unsere Kraft darein setzen, die Zukunft so vorzubereiten, daß wir in ihr einmal Geborgenheit finden können."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)