Zum Tod von Lars Gustafsson

Ich habe nie begriffen, warum das Theodizeeproblem ein Problem sein sollte. Das Theodizeeproblem ist nur ein Problem, wenn wir uns einreden, daß etwas uns zwingt, Gott zu verteidigen. Aber warum sollte es so sein? Sind wir nicht die Opfer? Die unschuldigen Opfer dieser eigentümlichen Manie, andere Geschöpfe zum Existieren zu zwingen, ohne sie zu fragen, ob sie darum gebeten haben oder nicht. Unsere natürliche Rolle ist nicht die der Anwälte Gottes, sondern seiner Ankläger.
(Quelle: Lars Gustafsson, Der Dekan. München 2004.)

Wir diskutierten Theologie und einigten uns darauf, daß die Theologie, sollte sie den geringsten Anspruch auf Glaubwürdigkeit haben, im Ernst versuchen müsse, eine Wissenschaft von Gott zu werden. Es geht nicht an, mit Surrogaten zu kommen.
Warum also nicht damit anfangen, eine Liste darüber zu machen, was wir von Gott wissen und was wir nicht wissen. Und was nur vage Vermutungen sind.
Wir wissen, daß Gott uns nicht gleicht.
Wir vermuten, daß Gott existiert.
Wir wissen, daß Gott nicht moralisch ist. (Denn sonst könnte Gott nicht zugleich allwissend und allmächtig sein.)
Wir vermuten, daß Gott allmächtig ist. Haben wir eigentlich Grund, das zu vermuten? Hat Gott nicht ganz im Gegenteil in allen Situationen, wo ein Gott wirklich gebraucht worden wäre, eine auffallende Machtlosigkeit gezeigt?
Wir wissen, daß Gott eins ist. (Die Dreieinigkeit ist, wie Borges bemerkt hat, ein entsetzliches, erschreckendes Monster, nur für den akzeptabel, der die Theologie nicht ernst nimmt.)
Könnte Gott, wenn Gott es wollte, sich selbst auslöschen, sich selbst ungetan machen?
Wenn nicht, folgt daraus, daß Gott nicht allmächtig ist.
Der Dekan hatte zwei Einwände.
Der eine war, wenn ich mich recht erinnere, daß Gott, wenn es ihn nicht gibt, ihn nie gegeben hat, sich auch nicht ungeschehen machen könne. ...
Der andere Einwand war viel interessanter:
Woher wissen wir, daß es nicht genau das ist, was Gott getan hat? Es gab einmal einen Gott, es hat ihn vermutlich immer gegeben, er entdeckte seine Allmacht und sein allumfassendes Wissen. Und er war nicht zufrieden mit dem, was er wußte. Also löschte er sich aus und verschwand in höflichen Formen aus der Existenz.
(Quelle: Lars Gustafsson, Der Dekan. München 2004.)


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)