Der neue Roman von Alexa Hennig von Lange:
Kampfsterne

Ich mag es nicht, wenn Papa meiner großen Schwester eine Backpfeife gibt. Ich mag überhaupt nicht, wenn sich Menschen gegenseitig wehtun. Dafür hat Gott uns nicht erschaffen. Er will, dass wir alle gut zueinander sind. So, wie sein Sohn Jesus gut zu allen Menschen war. Meine Religionslehrerin Frau von Senden sagt: Jesus hat alle geliebt. Sogar die Leute, die ihn ans Kreuz genagelt haben. Um zu zeigen, dass wir alle gleich sind. Jesus lebt in meinem Herzen. Jesus ist mein Vorbild. Das behalte ich allerdings besser für mich, weil die meisten Leute Jesus echt seltsam finden. Nur in der Kirche ist Jesus für die Leute in Ordnung, weil er da ans Kreuz genagelt hängt. Weil er ihnen da nicht mehr gefährlich werden kann. Die meisten Leute haben Angst vor Jesus, weil er ihnen zeigt, wer sie nicht sind: gute Menschen. Aber ich habe keine Angst vor Jesus. Weil er mein Freund ist. Und es wäre schön, wenn ein paar mehr Leute seine Freundschaft annehmen würden.

Es ist faszinierend, dass meine Mutter gar nicht schnallt, was für einen Märtyrer sie geheiratet hat – aber okay, auch bei Jesus hatten einige Leute echte Probleme, sein wahres Wesen zu erkennen. Bis heute. Die Welt spaltet sich eben in zwei Parteien. In die Sehenden und die Blinden. Und vielleicht hat Jesus in Wahrheit gar nicht die Blinden geheilt, sodass sie mit ihren Augen sehen konnten. Womöglich ist der ganze Bibelscheiß eine einzige fette Metapher für das innere Erkennen. Also, dass das Herz oder was auch immer plötzlich die Unschuld erkennt. Die Schönheit und Liebe.

Ist es nicht die Verantwortung von uns Menschen, uns jeden Tag erneut für die Liebe zu entscheiden? [...] Bei Lichte betrachtet sind wir Gott gleich! Er ist Liebe! Wir sind Liebe! Nur wir halten uns für nicht würdig, diese Liebe zu verwirklichen und zu leben. Darum verurteilen wir die Liebe. Zucken zusammen, wenn jemand von Liebe redet. Ganz offenbar sind wir Menschen noch nicht so weit, diese Verantwortung zu übernehmen. Wir wollen, wollen, wollen, haben diesen unstillbaren Hunger nach mehr und immer mehr. Reichtum. Bedeutung. Macht. Wir meinen, wir haben noch längst nicht alles bekommen, wollen uns alles nehmen, Besitztümer anhäufen, egal, ob sie uns zustehen oder nicht. Haben Panik, dass uns unsere gehamsterten Schätze wieder genommen und wir nackt dastehen werden. Dabei stoßen wir das, was wir einmal frei und umstandslos bekommen haben, das Wertvollste überhaupt, das unseren Hunger augenblicklich stillen könnte, von uns weg. Gott hat uns nach seinem Ebenbild erschaffen. Doch unser Selbstwert ist so niedrig, dass wir uns von ihm abwenden und Schlechtes tun.

Ich verstehe diese Welt nicht. Ich verstehe die Wut, den Ärger und die Missgunst nicht. Ich verstehe die Menschen in ihrer Zerstörungswut nicht. Ich verstehe nicht, warum sie manipulieren, warum sie verletzen und warum sie nicht voller Liebe sind.

Ich denke gar nicht, dass die Welt gut ist. Ich will sie gut machen. Wie Jesus.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)