Der neue Roman von André Kubiczek

Keine Ahnung, wer zuerst zu wem kam, die Melancholie zu mir oder ich zur Melancholie. Aber eines stand fest: Seit einem Jahr war sie da. Und das andere: Sie ging seitdem nicht mehr weg. Nicht mehr freiwillig. Ich guckte in den Badezimmerspiegel, als mir dieser Gedanke in den Kopf schoss. Nicht dass jemand glaubt, ich würde mir solche Sachen aus den Fingern saugen, um mich interessanter zu machen oder wozu auch immer. Diese Ideen kamen einfach, und zwar aus dem Nichts, sie schlugen dann quasi in mein Gehirn ein wie der sogenannte Blitz aus heiterem Himmel. Im Moment vorher überlegst du noch, ob du die Haare heute lieber nach links legst oder besser nach rechts wie immer, wo sie das Segelohr, was dort blödetweise wächst, wenigstens ein bisschen kaschieren. Und dann denkst du vielleicht noch so was wie: Nehm ich heute einfach nur Seife, was schneller geht, oder die teure Frisiercreme oder aber beides zusammen, und plötzlich - du hast gerade die Hände voller Schmadder und fuhrwerkst damit in deinen Haaren herum -, zack, ist er da, dieser Melancholie-Einfall oder irgendeine andere komische Idee. Und mit einem Mal ist dir total egal, in welche Richtung deine Haare heute stehen werden, denn mit einem Mal ist dir klar: Mensch, Rene, es gibt so viel Wichtigeres auf der großen, weiten Welt als den Sitz deiner dämlichen Frisur.

Man konnte es einfach nicht ändern: Die Welt war ein Fass ohne Boden, dachte ich. Eine Kugel eher. Eine Kugel ohne Boden war die Welt.

"Ist es eigentlich ein bisschen besser geworden mit deiner Traurigkeit?", fragte ich. "Wenn du da bist: ja." "Das ist die Liebe", sagte ich und zeigte hoch in den Himmel, der schon ziemlich dunkel war, "denn die Liebe ist eine große Macht von oben, musst du wissen."

Mit einem Mal war sie weg, die Melancholie, die Gedanken an Leben und Tod und treulose Freunde. Alles war leicht, und alles hatte einen Sinn. Es gab sie einfach nicht mehr, diese dräuende Schwermut, so wie es heute Abend eben auch keine Wolken gab, denen man hinterhersinnen konnte. Selbst der Dunst in meinem Schädel löste sich langsam auf. Ich atmete tief ein und dann vorsichtig wieder aus, damit es nicht komisch aussah. So nach Erleichterung. Manchmal war eben alles gut, und man fand einfach keine Haare in der Suppe.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)