Der neue Gedichtband von Michael Krüger

Und dann betritt Herr Cogito das Zimmer, die keuchende Stimme voller Rauch, setzt sich mir gegenüber auf einen neuen Stuhl und spricht vom Verschwinden der Religion in der Theologie. Wir brauchen ein Leben, sagt er, um zu begreifen, was ein Fremder mit einem Blick erkennt, daß wir nämlich so unbedeutend sind wie alle anderen auch. Herr Cogito lächelt.

Seit Tagen redet der Briefträger mit mir von den Letzten Dingen: dem Duft der Weidenkätzchen nach dem Regen, der Wahrheitstreue unserer Erinnerungen und daß man um Himmels willen Gott nicht immer wieder mit der Vernunft quälen sollte. Unterm Redeschwall streckt er mir Todesanzeigen zu, schwarzrandige Briefe, mit Rilkes Versen vom Hiersein bedruckt oder mit Benn. Es ist vollbracht, unsere Generation nimmt Abschied.

Wenn man so alt wird wie ich, träumt man immer häufiger von einem Land ohne den Schabernack, der uns als Leben verkauft wird: von einer anderen Erzählung.

Da alle Menschen etwas zu fürchten haben müssen, sollte ihnen nicht immer vergeben werden.

Wenn ich morgens die Zeitung hole, kommt mir das eigene Leben vor wie die flüchtige Skizze eines anderen, das im Vermischten haust. Die Zeitung ist schwer, als hätte das Böse Gewicht. Die Geschichte frißt sich auf, bald ist nichts mehr übrig außer den Schlagzeilen. Es wird immer sinnloser, an einen Sinn zu glauben, der schwerer wiegt als das Vermischte. Wenn der Apfelbaum nicht wär in meinem Garten, ich gäbe auf.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)