Zum 50. Todestag von Siegfried Kracauer

Die Wartenden (1922)
Es gibt gegenwärtig eine große Anzahl von Menschen, die, ohne voneinander zu wissen, doch alle durch ein gemeinsames Los verbunden sind. Jeglichem bestimmten Glaubensbekenntnis entronnen, haben sie sich ihren Teil an den heute allgemein zugänglichen Bildungsschätzen erworben und durchleben im übrigen wachen Sinnes ihre Zeit. Ihre Tage verbringen sie zumeist in der Einsamkeit der großen Städte, diese Gelehrten, Kaufleute, Ärzte, Rechtsanwälte, Studenten und Intellektuelle aller Art. Wenn sie sich aber von der Oberfläche in den Mittelpunkt ihres Wesens zurückziehen, befällt sie tiefe Traurigkeit, die dem Wissen und ihr Eingebanntsein in eine bestimmte geistige Situation entwächst und am Ende sämtliche Wesensschichten überwuchert. Es ist das metaphysische Leiden an dem Mangel eines hohen Sinnes in der Welt, an ihrem Dasein im leeren Raum, das die Menschen zu Schicksalsgefährten macht. [...] Sie leiden im Kern an ihrem Vertriebensein aus der religiösen Sphäre, an der ungeheuren Entfremdung, die zwischen ihrem Geist und dem Absoluten herrscht. Der Glaube, ja beinahe die Fähigkeit des Glaubens ist ihnen abhanden gekommen und die religiösen Wahrheiten sind für sie zu farblosen Gedanken geworden, die sie höchstens noch zu denken vermögen. Dabei haben sie sich zumeist der Ausschließlichkeit rein naturwissenschaftlicher Weltbetrachtung bereits entwunden. [...] Sie sind alles in allem nach langen Leidenswegen etwa bis zu dem Punkt vorgedrungen, von dem aus der religiöse Bereich wieder zugänglich wird. Aber die Pforte, durch die sie Einlaß begehren, öffnet sich ihnen nicht, und in dem vorgelagerten Zwischenreich bereitet das Nicht-glauben-Können ihnen Qual. [...] Horror vacui – der Schrecken vor der Leere beherrscht diese Menschen.
[Welche Haltung bleibt möglich im Umgang mit der religiösen Heimatlosigkeit?]
Es bleibt vielleicht nur noch die Haltung des Wartens. Wer sich zu ihr entschließt, der versperrt sich weder wie der trotzige Bejaher der Leere den Weg des Glaubens, noch bedrängt er diesen Glauben wie der Sehnsüchtige, den seine Sehnsucht hemmungslos macht. Er wartet, und sein Warten ist ein zögerndes Geöffnetsein ...

Georg von Lukacs' Romantheorie (1921)
Das in der Gegenwart mächtige Bedürfnis nach Religion, nach einem die Seele voll überwölbenden Glauben wird durch die ganze geschichtsphilosophische Lage unserer Zeit bedingt. Der Zersetzungsprozess, in dem sich die abendländische Menschheit befindet, seit von dem all-umspannenden Gebäude der Kirche Stück für Stück abgebröckelt ist, neigt sich, wenn nicht alle Anzeichen trügen, seinem Ende zu, denn es bleibt nichts mehr übrig, was noch zersetzt werden kann. Die Philosophie der letzten Jahrhunderte ist ein einziger Versuch, den Riss zu überbrücken, der sich nach den Entschwinden eines die gesamte Realität einfangenden Sinnes durch die Welt zieht und die formlose ansichseiende Mannigfaltigkeit von dem sie formenden Geist, das Chaos von dem Vernunftsubjekt unwiderruflich scheidet; sie ist ein Versuch, der notwendig hatte misslingen müssen, weil er mit den unzureichenden Mitteln des reinen Denkens unternommen worden ist. Entweder hat diese Philosophie sich zu bestimmten materialen Weltanschauungen verdichtet, die dann aber ein durchaus individuelles, nicht allgemein verpflichtendes Gepräge tragen, oder sie erfasst das Absolute in Gestalt formaler Prinzipien, in die sich beliebige Inhalte hineinpressen lassen. Auch die sozialistische Bewegung etwa bestätigt nur die Zerrissenheit unserer Zeit; den durch sie erstrebten ökonomischen Bindungen vermag sie von sich aus die religiösen nicht hinzuzufügen, und so überlässt sie uns letzten Endes weiter der Einsamkeit und Heimatlosigkeit. Alle die Visionen unserer Dichter und Denker sind Pfeile der Sehnsucht, die zu einer uns unendlich fern gerückten Gottheit emporgesandt werden. Sie zeugen lediglich davon, dass wir noch im leeren Raum verweilen, erstickt von den Gesetzmäßigkeiten jener sinnfremden Realität, die wir selber erst geschaffen haben.
Der Philosoph Georg von Lukacs hat in einem schmalen Bändchen, das den bescheidenen Titel "Theorie des Romans" führt, diese unsere geschichtsphilosophische Situation mit einer unerhörten Eindringlichkeit erschaut. In welcher geschichtlichen Epoche sind überhaupt die großen Romane möglich?, so lautet die Grundfrage des Denkers, und er beantwortet sie von einer Metaphysik aus, in der sich das inbrünstige Verlangen der Gegenwart nach dem Wiedererscheinen Gottes in der Welt zusammenballt. [...]
Das Buch von Lukacs ist eine so innerlich durchglühte und tief gegründete philosophische Leistung, dass sich ihr in unserer Zeit schwerlich etwas Ähnliches zur Seite stellen lässt. Man mag zunächst bedauern, dass es in einer Sprache geschrieben ist, die ihrer Schwierigkeiten wegen nur wenigen Menschen den Zugang zu ihm erlaubt. Aber vielleicht steckt gerade hierin eine bewusste Absicht des Denkers, der heilige Erkenntnisse vor einem oberflächlichen Betasten durch die profane Menge schützen will. Und ist man erst einmal durch die äußere Schale in den Kern eingedrungen, so weitet sich der scheinbar enge Bezirk, in dem Lukacs sich bewegt, bis ins Unabsehbare, und meint erkennt, dass diese Romantheorie nur dazu dient, um einem philosophischen Gesamtaspekt der Welt zum Ausdruck zu verhelfen, und dass aus ihren ästhetischen Betrachtungen allenthalben das leiddurchfurchte Antlitz des metaphysischen Ethikers hervorleuchtet. [...]
Zu Beginn seines Buches führt Lukacs das erleuchtete Wort von Novalis an: "Philosophie ist eigentlich Heimweh, der Trieb, überall zu Hause zu sein." Ein unnennbares Heimweh nach dem entschwundenen Sinn brennt und bohrt auch in Lukacs selber, jenes gleiche Gefühl, das jeden hohen Menschen beseelt, der sich seines Aufenthaltes in unserer gottverlassenen Welt als eine Verbannung bewusst geworden ist. Und es ist vielleicht die tiefste Erkenntnis, die man aus dem Werk von Lukacs gewinnen kann, dass sich heute mehr denn je die Aufgabe der Philosophie - und nicht nur der Philosophie - darin erschöpft, die Flamme der Sehnsucht wachzuhalten, bis endlich einmal der Genius erscheint, der durch seine Tat diese unsere aus den Fugen gegangene Welt von dem Fluche der Sinnlosigkeit erlöst.
Quelle: Neue Blätter für Kunst und Literatur 4 (1921) 1-5.



Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)