Es ist nicht alltäglich, dass der Chefredakteur des MFThK mit dem Chefredakteur der "Tagespost" einer Meinung ist. An die Migrationsfrage gingen die Kirchen "erstaunlich unterkomplex" heran, monierte er in einem Kommentar auf katholisch.de.
Rund um Weihnachten hat seit den letzten drei Jahren die Parole "Auch Jesus war ein Flüchtling" Hochkonjunktur, zum letzten Weihnachtsfest verbreitet z.B. von kirchennahen Journalisten wie Erik Flügge, Felix Neumann oder Christoph Strack. Mir ist es bisher nicht gelungen zu erkennen, welche Bedeutung diese Aussage für die Migrationsethik haben könnte. Eine Argumentation nach dem Schema "Auch Jesus war ein Flüchtling, deshalb müssen Christen human mit Flüchtlingen umgehen" halte ich für Biblizismus. Ich dachte, die Zeit der Steinbruch-Exegese, in der aus einzelnen Bibelstellen einzelne sittliche Normen abgeleitet wurden, gehöre der Vergangenheit an. Die Debatte über eine "autonome Moral im christlichen Kontext" (A. Auer), die wir in der katholischen Theologie seit bald 50 Jahren führen, sollte nicht nur bewusst gemacht haben, dass die Bibel kein Moralhandbuch ist, sondern auch vor hermeneutischen Kurzschlüssen zwischen Bibel und (Migrations-)Ethik warnen. Die plakativen Rekurse einiger Kirchenvertreter_innen auf die Bibel beantworten noch nicht die Frage, wie eine Migrationsethik des 21. Jahrhunderts aussehen kann. Wie die Bibel in die christliche Ethik kommt, ist doch etwas komplizierter als im kirchlichen Migrationsdiskurs der letzten Jahre häufig suggeriert wird.
Wer sich für eine ethische oder politische Option auf die Bibel beruft, sollte zudem zwei Grundfragen der historisch-kritischen Exegese nicht vergessen, die Fragen nach der Historizität und nach der Erzählabsicht der biblischen Texte. Die meisten Exegeten gehen heute davon aus, dass es sich bei der matthäischen Fluchtgeschichte um eine Legende handelt. Der historische Jesus war also sehr wahrscheinlich nie ein Flüchtling. "Gegen den Anspruch des Evangeliums sollte man sich nicht immunisieren" – schreibt Felix Neumann auf katholisch.de zu Recht. Um den Anspruch des Evangeliums in Mt 2 zu erfassen, muss man die Erzählabsicht des Evangelisten Matthäus herausarbeiten. Es ist äußerst fraglich, ob der Evangelist Matthäus mit seiner Fluchtgeschichte in M 2 einen moralischen Appell verbindet. Da hätte er die Geschichte wahrscheinlich anders erzählt. In Mt 2 geht es um Christologie (Mosestypologie, Erfüllung alttestamentlicher Verheißungen) und Theologie (Gott als der Retter in der Geschichte). Näheres ist z.B. bei Thomas Söding oder Herbert Stettberger nachzulesen. Für die Migrationsethik ist die Legende nach meiner Ansicht wertlos, da ihre Sinnspitze nicht auf einer ethischen Ebene liegt.
"Es könnte in der Gegenwart ja Probleme geben", schrieb Friedlich Wilhelm Graf im letzten Jahr im "Kursbuch", "die in den [biblischen] Texten von einst nicht nur keine Rolle spielen, sondern die sich in den alten Symbolsprachen gar nicht analytisch angemessen wahrnehmen lassen. Darauf mit ein paar Beschwörungen uralter, also auch altehrwürdiger biblischer Bilder und Motive reagieren zu wollen, dürfte nur Glaubwürdigkeitsverlust befördern. Zu fake news machen religiöse Akteure ihre 'Heiligen Schriften', indem sie ihnen mehr zumuten, als die Texte von einst tatsächlich bieten können."
Um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu beschädigen, sollten Kirchen und Theolog_innen sich vor Simplifizierungen in der Migrationsfrage hüten (die z.B. dadurch entstehen können, dass sie auf klare begriffliche Differenzierungen verzichten, Pull-Faktoren tabuisieren oder nicht über die Grenzen der Verantwortung reflektieren). Sie sollten nicht zuletzt beherzigen, was Hans Joas in seinem Buch "Kirche als Moralagentur?" schreibt: "Arrogant wirkt, wer für die eigene politische Stellungnahme pauschal moralische Höherwertigkeit in Anspruch nimmt und nicht anerkennt, dass andere aus nicht weniger moralischen Impulsen heraus zu einer ganz anderen politischen Schlussfolgerung gelangen." Arrogant wirkt auch, wer Andersdenkenden unterstellt, ihre Position sei einfach angstgesteuert und sie müssten sich nur entängstigen, um zur Erkenntnis der angeblich moralisch einzig möglichen Position zu gelangen. In der Migrationsfrage geht es um höchst komplexe Abwägungsfragen, wie der Mordfall in Kandel zeigt. Aus einem moralischen Impuls heraus kann man die obligatorische Altersbestimmung bei minderjährigen Flüchtlingen ebenso fordern (wie z.B. ZdK-Mitglied Kamp-Karrenbauer) wie ablehnen. Solche schwierigen Fragen sind nicht durch Slogans wie "Auch Jesus war ein Flüchtling" zu beantworten, deren Gebrauch zuweilen den Anschein erweckt, er beabsichtige auch, Kritiker einer bestimmten Migrationspolitik in die unchristliche und inhumane Ecke zu stellen.
Lektüreempfehlung zum Schluss: Ein gelungenes Beispiel für eine differenzierte theologische Auseinandersetzung mit der Migrationsfrage hat Tobias Hack gerade in den "Stimmen der Zeit" vorgelegt.
G.A., 6.1.2018

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)