Der neue Roman von Karl Ove Knausgård

Zum Teufel: Was weiß ich denn schon vom Göttlichen? Mit welchem Recht benutze ich den Begriff? Ich, ein säkularisierter abendländischer Vierzigjähriger, ebenso naiv wie ungebildet, einer der vielen nicht spirituellen und banalen Menschen der Welt?

Die Frage nach der möglichen Existenz Gottes gehörte in die Zeit meiner Pubertät. Ich erinnere mich an eine Seite in dem Tagebuch, das ich als Sechzehnjähriger führte, sie begann mit der Frage "Gibt es einen Gott?" und endete damit, dass es keinen gab. Heute bin ich vierzig und stehe wieder am Anfang.

Wenn ich Rudolf Otto oder Mircea Eliade lese, die sich beide mit dem Heiligen und Göttlichen beschäftigen, um es zu verstehen und zu definieren, und wenn ich die Schriften der Mystiker oder Kirchenväter studiere, durchdrungen von Ekstase, sehe ich mich mit etwas vollkommen Fremdem konfrontiert, mit etwas, wofür es in meinem Leben oder dem Leben, das mich umgibt, keinen Raum gibt. [...] Dass es so ist, rüttelt an meiner sonst so fundamentalen Überzeugung, dass das menschliche Gefühlsleben konstant ist, dass alle Affekte, die uns durchströmen, seit jeher alle Menschen durchströmten, und dass es uns gerade deshalb so sinnvoll erscheint, noch die ältesten Kunstwerke zu betrachten oder ältesten Texte zu lesen. Ein Mensch zu sein, ist zu allen Zeiten gleich gewesen, habe ich gedacht, unabhängig von den zahlreichen Veränderungen, die unsere Kultur durchlaufen hat. Doch diese Art von Erfahrungen, einst die absolut bedeutsamsten, Meditationen über Gott und das Göttliche, Rituale und kultische Handlungen rund um das Heilige, Visionen und Ekstasen, die in einem Leben entstanden, das ganz Gott und dem göttlichen Mysterium geweiht war, dieser Wille zur Sinnsuche, diese überwältigende Inbrunst mit ihrem gesamten Spektrum an Wahrnehmungen, Stimmungen und Gefühlen, wird heute nicht mehr aufgesucht, und wenn es doch einmal dazu kommt, geschieht es in der Peripherie, am Rande der Gesellschaft, abseits unserer Aufmerksamkeit, in seltenen Fällen eventuell aufgerufen als Zeuge für etwas Merkwürdiges und Überkommenes, als Unterhaltung im Fernsehen, so, so, Sie sind Mönch? Wie ist das eigentlich, keinen Sex zu haben? Als wir die Tür zum Religiösen schlossen, schlossen wir auch die Tür zu etwas in uns selbst. Es verschwand nicht nur das Heilige, sondern auch die mit ihm untrennbar verbundenen intensiven Gefühle.

Im Zentrum von allem existierte im Mittelalter der Körper, der Leib Christi, das Fleisch und Blut des Mensch gewordenen Sohnes, auch wenn er sich im Text und in der Sprache auflöste und der Punkt war, von dem alle theologischen Abstraktionen ausgingen. Das zeigte sich nicht zuletzt in den Reliquien. [...] Die Anbetung dieser Gegenstände [...] bildet den Kern des Christentums, bringt seine innerste Wahrheit und sein wahres Wesen zum Ausdruck, dass Gott in Christus Mensch wurde, ein lebender Körper, der etwas mehr als dreißig Jahre hier war, in unserer Welt. Der Gedanke ist so radikal, dass er sich nur in plötzlichen, emotional aufgeladenen Momenten der Erkenntnis verinnerlichen, aber sicherlich nicht verstehen lässt. Die Reliquien vermittelten diese Erkenntnis, das Göttliche war lokal, es war mit Orten verbunden, an die man reisen konnte, um sie mit eigenen Augen zu sehen, und mit identifizierbaren Menschen, die einst, vor gar nicht so vielen Generationen, tatsächlich existiert hatten.

Wenn ich ein wirkliches Kunstwerk sah oder wirkliche Literatur las, wurde alles brutal zur Seite geschoben, denn da gab es eine andere Dimension im Menschlichen, etwas ganz anderes, etwas von einer ganz anderen Größe, Würde und Bedeutung, dies hatte die Menschen des Mittelalters ihre enormen Kathedralen bauen lassen, vor deren Gewalt sie zu dem wurden, was sie eigentlich waren: kleines, schüchternes und unbedeutendes Gewürm. Ja, kleine Scheißhaufen. Aber sie hatten sie erbaut! Sie waren die Schöpfer der fantastischsten und überirdischsten Schönheiten, und sie waren kleine Scheißhaufen. Das war die Wahrheit über das Menschliche.

Jesus muss eine bemerkenswert charismatische Persönlichkeit gewesen sein, seine Ausstrahlung war so groß, dass sie noch in den Evangelien aufscheint, die hundert Jahre nach seinem Tod niedergeschrieben wurden, und danach in all den Jahrhunderten, die seither vergangen sind. Ihn, und was mit ihm geschah, zu begreifen, ist nicht möglich, ohne sein Charisma zu bedenken. [...] Vielleicht war er der charismatischste Mensch, der jemals gelebt hat. Irgendwer muss es gewesen sein. Jedenfalls wirkt seine Ausstrahlung noch heute auf uns, zweitausend Jahre nach seinem Tod. Und es ist nicht die Theologie, die sie aufrechterhält, im Gegenteil, die Theologie ist, da sie abstrakt ist, anticharismatisch.

Hölderlins Gedichte stehen im Sozialen und sehen ins Offene. Das hat auch Religion immer getan. [...] Wenn die Religion auf Aberglauben reduziert und die Poesie marginalisiert wird und nicht mehr an ihre eigene Bedeutung glaubt, verschwindet das Offene aus dem Menschlichen, das sich dann in sich selbst verkriecht, weil es außerhalb nichts mehr gibt.

Die Gnade hebt alle Distinktionen auf, in der Gnade sind alle gleich. Diese Radikalität ist groß und beinahe undenkbar. Aber genau darum, um nichts anderes, geht es beim Christentum. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Menschen. Der schlimmste Mensch ist ebenso viel wert wie der beste. Jesus sagt: Schlägt dich jemand, halte ihm die andere Wange hin. Er ist ein Mensch wie du, er ist du. Schlag ihn nicht. Es ist ein unmenschlicher Gedanke, weil er außerhalb des Sozialen gedacht wird. Ja, es ist ein göttlicher Gedanke. Adolf Hitler ist ebenso viel wert wie die Juden, die er vergasen ließ. Damit löst sich unsere Identität auf, von der die Unterschiede geschaffen wurden, und das ist der Grund, warum das Christentum nicht realisierbar ist.

Für Christus haben alle den gleichen Wert. In der Gesellschaft geht es darum, Unterschiede zu schaffen und zu erhalten. Christus hob sie schlagartig auf. Vergebung, das ist die Unterschiedslosigkeit des Göttlichen, implantiert ins Menschliche. [...] Doch so wenig wir in der Unterschiedslosigkeit des Göttlichen zu leben vermögen, so wenig können wir in der Unterschiedslosigkeit der Vergebung leben. Wir sind zu klein, wir kriechen und krabbeln in unsere Häuser und wieder aus ihnen heraus, für einen Moment entsetzt vom Nichts des Todes, wir schütteln dieses Gefühl ab, kriechen weiter, in unsere Häuser und wieder hinaus, unsere Straßen auf und ab. [...] Wir gehen verloren, und wir gehen ineinander verloren.

Als ich an der sprachlichen Überarbeitung der norwegischen Ausgabe des Alten Testaments arbeitete, lernte ich zu lesen. Ich begriff, was es bedeutete zu lesen. [...] Das Ziel der Lektüre ist lernen zu sehen, was jenseits der Grenzen des Selbst liegt.

Die große Frage der Religion lautete: Wie gibt man dem einen Namen, was unendlich ist, ohne es endlich zu machen? [...] Wie gibt man dem Außermenschlichen einen Namen, ohne es ins Menschliche zu ziehen, da die Sprache als solche das Menschliche ist? Wie benennt man Gott?

Unabhängig davon, wie kaputt ein Mensch ist, unabhängig davon, wie verzerrt seine Seele ist, bleibt er doch immer ein Mensch, der eine Wahl hat. Es ist die Wahl, die uns zu Menschen macht. Das allein gibt dem Begriff Schuld einen Sinn. [...] Erst Hitlers Unschuld verleiht seiner Schuld Gewicht.

Wer würde nicht ein Teil von etwas sein wollen, das größer ist als er selbst? Wer würde nicht fühlen wollen, dass das eigene Leben sinnvoll ist? Wer würde nicht etwas haben wollen, wofür er gern sein Leben hingibt?

Wir leben in einem Meer aus Dingen und verbringen einen großen Teil unserer wachen Zeit vor Bildschirmen. Was tun wir, wenn daraus eine Sehnsucht nach etwas anderem erwächst? Nach einer wirklicheren Wirklichkeit, nach einem authentischeren Leben?

Als ich 1975 in die Grundschule kam, gehörte Religion zusammen mit Sachkunde, Norwegisch und Rechnen zu den wichtigsten Fächern, und der Unterricht lief meistens so ab, dass unsere Lehrerin Geschichten aus der Bibel erzählte oder vorlas, die wir hinterher zeichneten oder über die wir sprachen. Es war eine pastorale Welt, in die wir damals eingeführt wurden, sie war durchaus dramatisch, aber auch hell. Christ zu sein hieß, gut und brav zu sein. Das wollten wir alle, aber dann wurden wir einer nach dem anderen abtrünnig, je näher die Pubertät rückte.

In der Predigt der Pastorin bei Vanjas Schulabschlussfeier ging es darum, wie wichtig die Freude sei, dass es nicht darum ginge, prominent oder reich zu werden, und dass jeder Mensch denselben Wert habe. Weder Gott, Jesus oder die Bibel wurden auch nur mit einem Wort erwähnt. [...] Ging es um Religion, war man ausgesprochen wachsam, Kirche und Staat waren längst getrennt, und nun war es so weit gekommen, dass die Pastoren Gott, Jesus oder die Bibel nicht einmal mehr erwähnten, wenn sie vor Schülern predigten. Es könnte sie verletzen, viele von ihnen kamen ja aus muslimischen Elternhäusern. [...] Das Ideal, dass alle gleich viel wert sind und dass es nicht wichtig ist, prominent oder reich zu werden, galt für die Sprache der Pastorin, während die Realität, die diese Gleichheitsideologie umgab, das Gegenteil ausdrückte: Das Wichtigste ist, reich und berühmt zu werden. Alle Kinder, die in der Kirche waren, wollten reich und berühmt werden, das lag in der Luft.

Empfand der Massenmörder auf Utoya eine Sehnsucht nach der Wirklichkeit, nach einem Ende der Relativität, nach den Konsequenzen des Absoluten? Wahrscheinlich. Verspüre ich eine solche Sehnsucht? Ja, das tue ich.

Hätte mir jemand als siebzehnjährigem Gymnasiasten in Kristiansand, noch dazu als einem glühenden Atheisten und glühenden Antichristen, erzählt, dass ich mich nur zwanzig Jahre später ebenso glühend mir Fragen beschäftigen würde, die sich mit der Bibel und ihrer Übersetzung befassen, wäre ich bestimmt der Meinung gewesen, ich hätte mich selbst verraten. [...] Meine Verachtung des Christentums hatte mit der Verachtung von Illusionen zu tun. Der Glaube, dass es mehr gäbe, als wir sehen können, einen persönlichen Gott, der denjenigen, der an ihn glaubt, tröstet und ihm das ewige Leben schenkt, hatte an und für sich nichts Provokantes - in Kristiansand aber durchaus, denn dieser Glaube war verbunden mit einer besonders kleinbürgerlichen Moral, in der es darum ging, was man durfte und was man nicht durfte.

Der Zyniker lebt in einer praktischen Welt, für ihn ist alles Werkzeug, und nichts ist heilig, das heißt, nicht heiliger, als dass man nicht darüber lachen könnte; und zu dieser Welt aus Gelächter und Leere existiert im Grunde nur eine Alternative, wenn man das Leben ernst nimmt. Und das sind der Glaube und das, worauf er verweist.

Das Gewissen ist wie die Scham nichts anderes als ein gesellschaftlicher Steuerungsmechanismus, entwickelt, um die notwendigen Bedingungen für viele Menschen zu schaffen, Seite an Seite zu leben. Die Religion legitimierte die Schuld und das Gewissen, sie gab ihnen einen tieferen Grund und einen größeren Sinn, und das verstärkte zusätzlich unsere Bindungen. Ein Aufstand gegen das Gewissen wurde zu einem Aufstand gegen Gott, gegen den Sinn und den Grund des Universums. Das Gelächter darüber war ein teuflisches Gelächter. Nun glauben wir nicht mehr länger an Gott, also lautet die Frage des Zynikers, warum sind wir nicht alle Hedonisten? Warum tun wir nicht alle genau das, wozu wir Lust haben? Die Antwort ist das Soziale, die Kontrolle durch andere Menschen, deren Missbilligung wir uns nicht aussetzen wollen, da sie doch so entscheidend sind für das eigene Selbstverständnis und den eigenen Wert.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)