Neue Briefausgabe von Victor Klemperer

Dein Religionsgespräch habe ich gleich sorgfältig gelesen und will Dir ganz offen meine Meinung darüber sagen. Wir sind uns einig darüber, dass irgend eine schöpferische Macht - man mag sie nun Gott oder Etre supreme oder Natur oder X nennen - vorhanden ist. Wir sind uns weiter einig im Punkt der ethischen Prinzipien, die man freilich (wie es die Philosophie der Aufklärung getan hat) auch ohne Inanspruchnahme eines Jenseitsglaubens aus vernünftigem Egoismus herleiten kann. Wir sind uns endlich auch einig in dem Wissen um die absolute Unerforschlichkeit der schöpferischen Macht. Aber eben hier trennen sich nun unsere Auffassungen. Die Deine ist mir in diesem Punkt nicht absolut genug. Die Unerforschlichkeit ist eine derart gänzliche, dass jeder Zugriff der menschlichen Vernunft versagt, und dass infolgedessen alles menschliche Werten unmöglich ist. Von der Gottheit zu erklären, sie sei sinnvoll, gut, gerecht, väterlich, scheint mir genauso unmöglich, wie von ihr auszusagen, sie sei sinnlos, böse, ungerecht und grausam. Dem menschlichen Denken erscheint sie bald in dem einen, bald in dem andern Licht, all diese Wertungen sind Vermenschlichungen, das Denken ist außerstande, die Gottheit zu erfassen. [...] Das eigentliche Glauben fängt genau dort an, wo das vernunftmäßige und beweisbare Wissen aufhört, es ist eine Gewissheit, die nicht aus der Vernunft kommt, ihr vielleicht widerspricht, ihr jedenfalls Schwierigkeiten bereitet, die nicht allgemeingültig zu lösen sind. Dieses gefühlsmäßige Glauben ist eine Gabe, die mit dem Intellekt nicht das Geringste zu tun hat. Es gibt nicht nur Millionen sehr einfacher Menschen, sondern auch eine Unmenge geistig bedeutender, ja genialer und hochgelehrter und streng logischer Menschen, die die gefühlsmäßige Gewissheit einer sinnvollen und gütigen Gottheit besitzen, und es gibt ebenso Millionen ganz einfacher und unbedeutender und viele durchaus begabte und gebildete Menschen, denen dieser eigentliche Glaube versagt ist. Die Katholiken haben den Fachausdruck: Die Gnade. Das ist es: glauben können (einerlei, was, und ob mit positivem oder negativem Vorzeichen), sich zu irgendeiner unbeweisbaren Gewissheit rein aus dem Gefühl heraus bekennen, ist eine Gnade, oder schlichter gesprochen: eine Gabe, die einem von Natur mitgegeben oder versagt ist wie etwa die musikalische Begabung.

Als ich während des ersten Weltkrieges als Rekonvaleszent in einem stockkatholischen Hospital des schwarzen Paderborn lag, lud mich ein weltgewandter Geistlicher ein, die Bibliothek des erzbischöflichen Seminars zu benutzen. Das werde mir wenig helfen, meinte ich, denn ich sei mit dem Studium der französischen Aufklärung beschäftigt. Ich möge nur kommen, riet er, und wirklich fand ich dort in langen Reihen und besten Ausgaben die ganze antiklerikale Aufklärungsliteratur. Er sah meine Überraschung und sagte lächelnd: "Wir müssen doch unsere Gegner kennen."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)