Der neue Roman von Michael Kleeberg


"Gegen Marx hast du Kierkegaard gehalten und gesagt: Es geht nicht um die Trennung zwischen Arbeit und Kapital, sondern um die zwischen Gott und dem Menschen. Das ist die entscheidendere Entfremdung."

Der Kommunismus war endgültig und blutig und menschenmordend und verspießert und ummauert gescheitert, aber die giftige Geldwirtschaft auch nicht dazu angetan, das Leben zu erfüllen. Da war mir irgendwann mein alter Pfälzer Landsmann Hugo Ball über den Weg gelaufen. Ein Hansdampf in allen Gassen, ein Irrlichternder, der es bei nichts lange aushält, der auch nichts wirklich de profundis durchdenkt, das heißt: durchdenkt vielleicht schon, aber keiner Sache so viel Zeit und Mühe opfert, um sie wissenschaftlich festzunageln, und ein Wissenschaftler wollte ich damals ja noch sein oder werden. Also Ball. Entwickelt sich vom nicht angenommenen Kriegsfreiwilligen 1914 zum verzweifelten Gegner des blutigen und sinnlosen Schlachtens, kombiniert Anarchie und Kabarett und erfindet Dada. Lässt es nach einem halben Jahr wieder sein, schreibt seine Kritik der deutschen Intelligenz, ein böses und leider auch wirres Pamphlet, in dem er im Grunde eine Linie von Luther zu Ludendorff zieht, via Hegel - der Protestantismus als das Geschwür, das Deutschland zum Außenseiter und Ausgestoßenen unter den Nationen macht. Inspirierend momenteweise, aber eben auch ein typischer Ausfluss deutschen Selbsthasses und metaphysischer Überhöhung Deutschlands. Danach wendet er sich wieder dem Katholizismus zu, aus dem er stammt, und schreibt dann mit seinen byzantinischen Wüstenheiligen – ja was eigentlich? Im Grunde eine Theologie des Widerstands gegen die Moderne. Oder anders gesagt: Er schlägt die Pflöcke zu einer 'Spiritualität des Widerstands' ein. Und da hatte ich mein Thema: Gesellschaftsveränderung durch individuelle Umkehr. Individuelle Umkehr durch Religiosität. Widerstand gegen den religiösen Totalitarismus durch Mystik. Mystische Erfahrung und Gotteserkenntnis durch die Liebe zu einem Schönheitswesen und mystische Einheit als revolutionäre Praxis. Ja, ihr schüttelt den Kopf, und das hat natürlich auch mein Doktorvater getan. Ball! Ein Bohemien, der seine Geliebte anschaffen schickte, um das tägliche Brot zu bezahlen, als Gegenstand einer philosophischen Dissertation?

"Liebe und tue, was du willst." Das ist das revolutionäre Potential, das ich in meiner Dissertation versucht habe herauszuarbeiten, der schon bei Dionysius Areopagita propagierte Verzicht auf die Gewalt. All das sind Wege aus dem Gefängnis der Herrschaft. Möglichkeiten zur revolutionären Veränderung der Welt durch den Rückzug aus ihr. Aber wie auch immer der Widerstand aussieht, in all seinen Formen steckt ein Nein zur Welt, wie sie jetzt ist, zum Menschen, wie er jetzt ist, steckt das Bemühen um Eindämmung dessen, was Nietzsche den vermeintlich jeder Natur anhaftenden Willen zur Macht genannt hat. [...] Ja, und so waren sie dann entstanden, die 650 Seiten mit dem Titel: Die Spiritualität des Widerstands – Ausbrüche aus dem Gefängnis der Herrschaft. Hugo Balls Byzantinisches Christentum und der schiitische Sufismus. Ich gab das Konvolut bei meinem Doktorvater ab.

Ich weiß, dass hierzulande jedes öffentliche Ausleben von Religiosität zur Peinlichkeit geworden ist. Auch der Katholizismus ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil seiner Substanz entleert. Es bleiben nur noch Weihnachtskrippe, Tannenbaum, bunte Kugeln und Osterhasen.

Ich erinnere mich noch gut an die Liebe und die Schönheit Gottes aus meiner Kindheit. Doch wie beantworten wir die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, die uns frei und ohne Schuld geboren sein lässt? Indem wir die Freiheit unterdrücken und an unserem Nächsten schuldig werden und die Verzweiflung und den Kummer Gottes auf uns herabbeschwören, der klagend ausruft: "Ich habe es nicht gewollt! Was habt ihr aus der Liebe gemacht, die ich euch geschenkt habe?"

Ist Schuld nicht ein relativ spätes, ein zutiefst kulturelles Phänomen? Denn ist es nicht so, dass man schon recht weit gekommen sein muss in der Beschäftigung mit sich und seiner Seele, in der Anschauung des Kosmos und des Lebens, dass man schon viele Geschichten von Leid und Unrecht gehört haben muss, um angesichts seiner Taten und Unterlassungen ein schlechtes Gewissen, ja überhaupt ein Gewissen zu entwickeln? Oder hätte Gott uns das Schuldbewusstsein wie einen Radiowecker ins Herz gepflanzt, der ab dem Moment, wo Adam die Augen aufschlägt, zu klingeln beginnt jedesmal, wenn wir Unrechtes tun? [...] Nein, in der tiefsten Nacht der Vorzeit, da gab es das Gefühl der Schuld noch nicht. Oder besser gesagt, es gab noch nicht das Schuldbewusstsein des Tötenden. Wenn es Schuld gab, dann lag sie beim Bock, beim Opfer. In Gestalten, die zweibeinig gingen und Beeren sammelten und Aas fraßen und erst kaum einmal gemeinsam ein lebendes Tier erlegt hatten, nur zweierlei: die Gemeinschaft und die Rivalität. Den Neid und die Arbeitsteilung. Der Neid war noch früher da als die Arbeitsteilung. Sofern sie schon ein Bewusstsein hatten, diese zerstreuten Menschen, blickten sie einer auf den anderen und dachten: Ich will sein wie du. Ich will haben, was du hast. Mein Anteil soll größer sein als deiner. Und als dieser Wunsch unabweisbar und unwiderstehlich wurde, da geschah der Mord.

Aus der blutbesoffenen Genealogie des Tötens und Opferns hat sich alles religiöse Empfinden und Denken entwickelt.

Lasst euch von mir sagen, dass ihr nicht die Gewalt heiligen sollt, den friedenbringenden Mord am Opferbock, sei er Mensch oder Tier. Bedenkt die Ohnmacht, aus der ihr kommt, und heiligt die Ohnmacht. Verbrüdert euch nicht gegen das Opfer, sondern mit ihm.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)