Das "Blaue Buch" von Erich Kästner

Vor einer brennenden Synagoge SA-Mann zu einem alten Juden: "Na, da sind Sie wohl sehr verzweifelt?" Der alte Jude: "Nein, entweder gibt es einen Gott, dann gibt es auch eine Gerechtigkeit. – Oder es gibt keinen Gott, – wozu brauchen wir dann noch eine Synagoge?"

Das Gemeinste am Christentum ist die Unaufrichtigkeit, die die Zeugung beschmutzt und die Geburt heiligt.

Und wieder nahn wir Deinem Thron, o Herr, vor Tränen blind. / Du nahmst uns auch den letzten Sohn, / und der war noch ein Kind. / Sein Leben ist so rasch verweht, / wie über Dach der Rauch. / Wie schwer das unser Herz versteht, / o Herr, den zweiten auch. / Vergeblich war es, das Gebet: / Laß einen auf der Welt. / Der Krieg hat beide abgemäht, / wie Blumen auf dem Feld. / Nun fuhr der Tod die Ernte ein, / durchs ferne Himmelstor, / Millionen Eltern stehn allein / und schauen stumm empor. / Krieg nimmt ein End, / Schmerz endet nie, / bis er das Herz zerbricht. / Herr, tröste uns und tröste sie, / wir selber können's nicht.

In den letzten Tagen habe ich in Nietzsches "Wille zur Macht" geblättert. Nietzsche ist nicht nur an Goebbels' Wort "moralinfrei", er ist mit seinem Preislied auf die Größe, den großen Verbrecher inklusive, am Aufstand aller Halbgebildeten schuld, die nach erfolgreicher Lektüre der "blonden Bestien" und des Ausnahmemenschen, des sich von der Herde trennenden Individuums, des Übermenschen, des Renaissancecharakters, hergingen und die Wunschträume des kranken Mannes in die Tat umzusetzen versuchten; selber krank, an Minderwertigkeiten leidend und des Satzes eingedenk, dass Kinder, die in der Schule nichts leisten, gerade deshalb später große, berühmte Männer werden. Dass das Abendland durch die Segnungen des Christentums eine nicht gemäße Entwicklung genommen hat, steht außer Zweifel. Aber Nietzsche zeigt sich auch hier – als Pfarrerssohn gerade hier – viel zu wenig als Kulturphilosoph, viel zu sehr als Parteiredner. Freilich gelingen ihm, aus dieser Rhetorik heraus, immer wieder einmal prächtige Vergleiche. Jesus als die "Unschuld vom Lande" zu bezeichnen, ist schon sehr gelungen. Andererseits auch hier wieder: Unschuldig sein ist eben bei ihm sofort identisch mit verächtlich, lächerlich, blöde. Die Verhimmlichung des bösen, niederträchtigen, bedenkenlosen "Individuums" ist ekelhaft. Nietzsche könnte daran schuld sein, dass das Individuum ein Schimpfwort wurde.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)