Der fünfte Roman von Husch Josten


Du glaubst wirklich an Zufall?, hatte ihre Mutter gefragt, damals, als sie in New York wohnten und Caren ihr Praktikum bei einem Fernsehsender im World Trade Center überlebt hatte. Natürlich, hatte Caren geantwortet, selbstverständlich ist es nichts als Zufall, dass ich am 11. September zwei Blocks weiter an der Murray Street vor einem Bagelwagen stand und gegrillte Pute mit Remoulade für meine Kollegin Marcy im Schneideraum bestellte. Frag Vater, erwiderte ihre Mutter, frag Vater, er sieht es wie ich. Das war kein Zufall. Ich danke Gott auf Knien, dass du in diesem Moment zwei Blocks weiter vor diesem Bagelwagen gestanden hast. Da hat dich jemand beschützt, das sollte so sein. Und Caren hatte überlegt, tage- und wochenlang gedacht: Gott? Was für ein Gott sollte das sein, der mich beschützte und die anderen nicht?

Ist das Universum ein einziges, sinnloses Chaos von Ereignissen?

Der Mann, der Caren gegenübersaß, las Wittgenstein. [...] Als er Carens Blick bemerkte, entschuldigte er sich und streckte ihr den Buchtitel so entgegen, dass sie ihn lesen konnte. Verzeihen Sie, sagte er, ist lange her, dass ich das gelesen habe. Dabei sollte ich den Anfang, diesen einfachen Teil, eigentlich noch draufhaben ...
Kein Problem, erwiderte sie, Wittgenstein war der mit der Sprachproblematik, stimmt's?
Er nickte: Und der, auf den man sich immer berufen kann, da er so schön vage bleibt.

Wie alle Philosophen beunruhigen mich nicht die ungewöhnlichen Dinge, sondern die gewöhnlichen, das, was wir sicher zu wissen glauben, während wir doch tatsächlich nichts wirklich wissen.

Ich habe mich gefragt, während ich Ihre Aufzeichnungen las, ob Sie vielleicht eine Geschichte im Sinn haben, die so schön oder so schrecklich ist, dass man sich nicht traut, sie sich auch nur vorzustellen, geschweige denn sie zu schreiben. Oder was einem erlauben würde, sich das Schönste, das ganz unmöglich Erscheinende vorzustellen und zu schreiben.
Eine Geschichte, die so schön oder schrecklich ist, dass man sich nicht traute, sie sich überhaupt vorzustellen? Dann hätte die Bibel nie geschrieben werden können, antwortete er.
Etwas zu erzählen bedeutet auch Selektion. Sie suchen also nach etwas, das Sie wählen können.
Oder nach etwas, das mich wählt.

Was und wer wir sind, definiert sich allein durch Geschichten, in die wir verstrickt sind. Wir können nicht verobjektiviert werden, wie es in einem Bericht, einer Chronik, einer Biografie geschieht. Die einzige menschliche Selbsterfahrung führt über Geschichten; Bewusstseinsebenen, die für sich gültig sind. Aber was für mich das Wichtigste ist: Nur vom Ende her gewinnt die Erzählung ihren Sinn; alles hängt am Ende. Das Ende legt den Wert des Vorangegangenen fest.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)