Das letzte Buch von Denis Johnson


Mark Cassandra, Patient einer Sucht- und Entzugsklinik, schreibt an seinen Vater und seine Großmutter:
Ich hoffe, irgendwer da oben weiß, dass ich es aufrichtig meine, ich könnte nämlich wirklich ein bisschen Hilfe gebrauchen, aber eins sage ich besser gleich, auf die Knie gehe ich nicht, so einer bin ich nie gewesen, und falls euer Kumpel Jesus vorhat, erst von seinem Kreuz runterzukommen, wenn einer wie ich so was macht, dann kann er lange warten.

Mark Cassandra schreibt an seinen Bruder:
Die Frage ist, Gott, wo bist du? Verdammte Scheiße auf Erden, was glaubst du eigentlich, was du hier machst? Wir sind in der HÖLLE hier unten, der HÖLLE hier unten, der HÖLLE. Verstehst du? Wo ist Superman? Bei Grandmas völlig irrem Besuch hier hat sie mich beiseitegenommen und gesagt: "Du bist von Dämonen umgeben, Gott hat dich an den Eingeweiden gepackt und zerrt dich aus der Hölle." Also, das ist der längste Ritt aus der Hölle, von dem ich je gehört habe, und wenn ich schon aus der Hölle draußen bin, wessen schmorendes Fleisch rieche ich dann hier? Gott hat die Füße hochgelegt und sich ein Bud aufgemacht und pennt jetzt mal kurz, während ich hier kokelnd und stinkend auf dem Grill liege.

Ich hab anderen Menschen das Leben genommen. Ich hielt mich für Gott. Ich hab in den Spiegel geguckt und es laut ausgesprochen: Du bist Gott. Als Gott beschloss, mir das Gegenteil zu beweisen, fiel mir alles wie ein Berg Hundescheiße auf den Kopf. Ich wurde kassiert und eingebuchtet, wegen einer ganzen Latte von Anklagepunkten, darunter Mord mit bedingtem Vorsatz, also, wenn sie die alle aufeinanderstapeln und mir aufbrummen würden, wär ich hundert Jahre nach meinem natürlichen Tod noch hinter Gittern. Ich liege im Knast, und die Zelle saugt mir die Drogen und den Kampf und die Seele aus dem Leib und gibt sie Gott, und Gott zerquetscht alles zwischen seinen Fingern, Mann, jede einzelne Faser meiner Seele im allmächtigen Griff der Wahrheit. Und die Wahrheit ist: Alles, was ich getan hab, jeder Gedanke, den ich gedacht hab, jeder Moment, den ich gelebt hab, ist zu Staub gewordene Scheiße und verwehter Staub. Gott, hab ich gesagt, vergiss es, ich werde nicht mal beten. Zerquetsch meine Eingeweide, bis du müde wirst, was anderes will ich gar nicht. [...] Hab jeden Tag und jeden Abend gebetet, aber immer nur das eine Gebet: Zerquetsch mich, bis du müde wirst, Herr. Töte mich, Herr, es ist mir egal, solange du es bist, der mich tötet.

Wer war ich, um über Reinkarnation und dergleichen zu streiten? Was ich selbst darüber dachte, ging nicht über die inständige Hoffnung hinaus, dass sie eine Fiktion war, denn schon meine eine, gegenwärtige, verdorbene Existenz schien mir mehr als genug.

Der Gedanke an einen Gott stieß mich ab. Ich war nicht gläubig. Alle laberten irgendwelches Zeug über kosmische Spiritualität und hinduistische, yogische Chakren und Zen-Koans. Unterdessen verbrannten asiatische Babys durch Napalm.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)