Zum 250. Geburtstag von Jean Paul

In seinem Roman "Siebenkäs" schrieb der Dichter Jean Paul: "Die Menschen leugnen mit ebensowenig Gefühl das göttliche Dasein, als die meisten es annehmen".
Um sich gegen diese Gleichgültigkeit, das Absterben seines Glaubens, zu helfen, notierte er folgenden Traum:

Ich lag an einem Sommerabend vor der Sonne auf einem Berg und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die elf schlug, hatten mich erweckt. ... Alle Gräber waren aufgetan ... Die Schatten der Toten standen um den Altar. ... Da sank eine hohe edle Gestalt mit einem unsagbaren Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: "Christus, ist kein Gott?" Er antwortete: "Es ist keiner". Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, ... Christus fuhr fort: "Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, ... schaute in den Abgrund und rief: 'Vater, wo bist du?', aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrund und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich ..."
Die Schatten der Toten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder ... und warfen sich vor die hohe Gestalt: "Jesus, haben wir keinen Vater?" Und er antwortete mit strömenden Tränen: "Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater". Da rückten die zitternden Tempelmauern auseinander und der Tempel und die Kinder versanken, und die ganze Erde und die Sonne sanken nach. ... Und Christus, als er den Absturz der Welten und den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter sah, hob die Augen gegen das Nichts und gegen die leere Unermeßlichkeit empor: "Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! ... Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! ... Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?... Sein kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo ..." Dann schaute Christus wieder hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: "... Ach ihr überglücklichen Erdenbewohner, ihr glaubt noch an Ihn. Vielleicht geht jetzt eure Sonne unter, und ihr fallt unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und hebt die seligen Hände empor und ruft unter tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel hinauf: 'Auch mich kennst du, Unendlicher, und alle meine Wunden, und nach dem Tode empfängst du mich und schließest sie alle.' ... Ihr Unglücklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde legt, um einem schönern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern: so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht – und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater!" Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte, sah ich die Riesenschlange der Ewigkeit, ... sie umfaßte das All doppelt, ... quetschte die Welten aneinander, und alles wurde eng, düster, bang - und ein unermeßlicher Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern ... als ich erwachte. Meine Seele weinte vor Freude, daß sie Gott wieder anbeten konnte.

In einer Fußnote merkt Jean Paul an: "Wenn einmal mein Herz so unglücklich und ausgestorben wäre, dass ihm alle Gefühle, die das Dasein Gottes bejahen, zerstört wären: so würd' ich mich mit diesem Traum erschüttern und – er würde mich heilen und mir meine Gefühle wiedergeben."
(Meine Kenntnis der "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei" verdankt sich Thomas Pröpper.)

In seinem Werk "Levana oder Erziehlehre" schreibt Jean Paul:
"Wo Religion ist, werden Menschen geliebt und Tiere und alles All. Jedes Leben ist ja ein beweglicher Tempel des Unendlichen."
"Was ist nun Religion? – Sprecht die Antwort betend aus: der Glaube an Gott."
"Eine Religion nach der anderen lischt aus, aber der religiöse Sinn, der sie alle schuf, kann der Menschheit nie getötet werden."
"Liebe ist die alles zusammenhaltende Gottheit, die eigentliche göttliche Einheit des All."

Und zum Schluss noch einige Links:


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)