Der neue Roman von Ingo Schulze

Wieso gibt es immer noch so viele Menschen, die an einen Gott glauben? Und wie lang wird es brauchen, bis jeder von ihnen seine Ängste ablegt und sich vom Glauben befreit? Aber wie soll man sie überzeugen? Was gibt es da überhaupt zu argumentieren? Es ist doch alles ganz offensichtlich!

Die Galerie ist die Kirche der Gegenwart, die Vernissage eine Eucharistie.

"Gottes Wort ist lebendig. Jesus hat nicht nur Wunder getan, er ist auch auferstanden. Der Glaube an ihn wirkt. Wenn ich bete, erhalte ich eine Antwort."
"Dann brauche ich Ihnen nicht mit Historischem zu kommen, mit Unstimmigkeiten, unsicherer Quellenlage, hanebüchenen Eingriffen", sagt Greta. "Jeder Richter würde aufgrund der Indizienlage und der widersprüchlichen Zeugenaussagen gegen die Auferstehung entscheiden."
"Warum reden Sie dann davon?", frage ich.
"Mich interessiert, wie sich die Jesus-Geschichte erzählen lässt. Und nun denke ich, man müsste sie von Johannes dem Täufer her aufdröseln, dem Konkurrenten von Jesus, von dessen Askese er sich absetzen muss. Und vom Ende her natürlich", sagt Greta. "Jesus versprach seinen Jüngern das Himmelreich. Stattdessen wurde er gefoltert und getötet. Für seine Jünger ist das ein Schock, sie rennen weg. Das aber ist das Allerschlimmste, das eigene Versagen, das ist der zweite, der noch größere Schock. Alles zu Ende! Alles kaputt! Wer sich nicht aufgeben will, muss umkehren, muss handeln, muss anfangen, eine andere Geschichte zu erzählen ...", sagt Greta. Da erst erkenne ich, in welche Falle mich Greta mit ihrem Gerede locken will.

"Was hast du denn gegen Jesus? Er war für die Armen und hat auch so gelebt."
"Aber er lebt nicht mehr."
"Sein Wort ist unter uns. Auf den Transparenten steht doch auch: Lenin lebt! Marx lebt! Oder? Allerdings ist Jesus der Einzige, der auferstanden ist."

"Worüber ich sprechen möchte", rufe ich ins Mikrofon, "ist die untrennbare Verwandtschaft von Marxismus und Christentum! Denn meiner Meinung nach kann ein Marxist nur dann ein charakterfester Kommunist werden, wenn er Christus an seiner Seite weiß." Nun habe ich offenbar den richtigen Ton gefunden. Gerald Götting legt eine Hand hinter sein rechtes Ohr. "Ich selbst verstehe mich als einen christlichen Kommunisten und einen kommunistischen Christen", sage ich an ihn gewandt. "Klassenkampf und Nächstenliebe sind zwei Seiten einer Medaille. Insofern möchte ich grundsätzlich darüber hinausgehen, was Sie, lieber Eberhard Aurich, gesagt haben. Es geht nicht darum, hier und da Berührungspunkte zwischen Marxisten und Christen zu finden, sondern sich der unverbrüchlichen brüderlichen Bindung bewusst zu werden, die Christen und Kommunisten eint."

"Erst der Glaube an Christus macht den Kommunisten zu einer runden Persönlichkeit. Umgekehrt zwingt der Kommunismus den Christen zum Handeln."

Der Glaube ist keine Sache der Logik. Man muss nur bereit sein‚ 'Ja' zu sagen, um ihn zu erlangen, also von dem hohen Ross des Stolzes heruntersteigen und im Jordan untertauchen.

"Und wie ist das passiert?", fragt mein Freund Wolfgang am Telefon.
"Ich weiß auch nicht ... Als ich es gemerkt habe, war's schon passiert. Ich hab ihn irgendwie vergessen", sage ich.
"Vergessen? Wie kann man denn den Glauben vergessen?"
"Es war so viel zu tun ..."
"Peter! Der Glaube ... Das ist doch, als reiße man mir die Seele bei lebendigem Leibe aus dem Körper - und das Herz gleich dazu. Und du sagst 'vergessen' ..."
"Plötzlich war er weg. Ich hab ihn verloren."
"Das kann dann nicht der richtige Glaube gewesen sein."
"Warum?"
"Gott hat dir jetzt eine Pause verschafft."
"Und was soll der richtige Glauben sein?"
"Ach, Peter, denk einfach mal nach! Wie willst du denn ohne Glauben leben?"
"Wenn er erst mal weg ist ...", sage ich. "Ich kann das nicht erzwingen."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)