MFThK, 14.6.2014

Vor 100 Jahren: Der "Löwe von Zähringen" kommt auf den Index

Seit Jahren stellten sie auf ihren Seiten Katholiken an den Pranger, die in ihren Augen nicht romtreu waren, die nicht die Form des Katholizismus vertraten, die sie für die einzig wahre hielten. Sie hatten klare Feindbilder, verdächtig waren ihnen alle Tätigkeiten von Katholiken, die sich nicht nur als repetierendes Sprachrohr des kirchlichen Lehramtes verstanden. Sie duldeten keine Meinungen, die von ihrer eindeutigen, gegen jeglichen Zweifel immunen Linie abwichen. Sie beanspruchten genau zu wissen, was katholisch und was nicht mehr katholisch ist. Jede Woche präsentierten sie neue Verräter an der katholischen Sache, Laien, Priester, Verbände, Zeitschriften. Sie schnüffelten in Veröffentlichungen von Katholiken nach Sätzen, die der kirchlichen Lehre widersprachen. Sie setzten Bischöfe unter Druck, gegen ihnen unliebsame Katholiken vorzugehen, und rühmten sich guter Kontakte nach Rom. Für ihre Hetzereien nutzten sie vor allem anonyme Kommentare, die die Redaktion bereitwillig veröffentlichte. Ein wichtiges Organ für diese Kommentare erschien in Österreich.
Es hieß "Oesterreichs Katholisches Sonntagsblatt", andere Organe hießen "Petrus-Blätter" und "Klarheit und Wahrheit" (vgl. hierzu die Arbeiten von Otto Weiß u.a.). Schon seit längerem war diesen Integralisten ein Mann ins Visier geraten, der deutschlandweit als "Löwe von Zähringen" bekannt war: Theodor Wacker, Pfarrer von Zähringen (heute ein Stadtteil von Freiburg) und seit 1888 Vorsitzender der badischen Zentrumspartei. Vor 100 Jahren, im Juni und Juli 1914, war der so genannte "Fall Wacker" das Thema in der katholischen Presse Deutschlands und eines der Hauptthemen in den deutschen Zeitungen überhaupt - "und dies, obwohl der Krieg bevorstand." (Hugo Ott im Freiburger Diözesan-Archiv). Was war passiert? Wacker hatte sich nicht gescheut, die "Überpäpstlichen", die ihm mangelnde Loyalität gegen Rom und die kirchliche Lehre vorwarfen, scharf anzugreifen, ihre Tätigkeit "Zerstörungsarbeit" zu nennen. Außerdem vertrat er, verkürzt gesagt, die Auffassung, dass der katholische Politiker sich nicht von seinem Diözesanbischof steuern lassen darf, sondern seine Politik unabhängig von kirchlicher Autorität betreiben muss ("Die Bischöfe sind nicht diejenigen Stellen, die wir in politischen Dingen zu fragen haben"). Die "Überpäpstlichen" denunzierten Wacker in Rom. Trotz des Rückhalts des Freiburger Erzbischofs landete eine Veröffentlichung Wackers am 1. Juni 1914 auf den Index der verbotenen Bücher. Die Bekanntmachung dieses Beschlusses schlug in Deutschland "wie ein Blitz" ein. (H. Ott) Franz Triebs, Professor für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät Breslau, schrieb am 15. Juli 1914 in einem Leitartikel: "Bei Wacker, welcher im katholischen Deutschland den Ehrennamen 'Löwe von Zähringen' führt, handelt es sich um einen hochbedeutenden und hochverdienten Mann. Seit 1873 steht er in der vordersten Reihe, unverdrossen, unermüdlich, selbstlos, ein unvergeßliches Vorbild der ebenso innigen wie energischen Liebe zur Kirche. Trotz allem ist sein Aufsatz der Proskription verfallen. ... Die Indizierung ist erfolgt, aber ... nur der Inhalt des Aufsatzes ist getroffen ... Die Person Wackers ist unberührt, ebenso sein treues, unermüdliches und verdienstvolles Wirken. ... In Deutschland wirken Indexproskriptionen außerordentlich scharf, wie die ungeheure Erregung über den 'Fall Wacker' beweist." Wacker unterwarf sich schließlich der Entscheidung der Indexkongregation. "Von diesem Tiefschlag aus Rom erholte sich der um die Kirche hochverdiente Wacker nicht mehr." (H. Ott) Während Josef Schofer, Wackers politischer Zögling und Biograph, im Erzbistum Freiburg durch die Schoferstraße (Sitz des Erzbischöflichen Ordinariats) noch eine gewisse Bekanntheit hat, ist Theodor Wacker heute nahezu vergessen. Die vergebliche Suche nach Webseiten, die an den 100. Jahrestag der Indizierung Wackers erinnern, bestätigt dies.
"Wer die Geschichte der katholischen Kirche in Baden einmal schreiben wird, der muß auch oft in Ehren nennen den Namen Theodor Wacker." (J. Schofer)

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)