Das neue Buch von Michel Houellebecq

Auch wenn wir nicht mehr an einen Gott glauben, der sich mit unseren Geschicken amüsiert wie ein Brettspieler, glauben wir noch immer an das Schicksal.

In Wahrheit wirkt die Absurdität des menschlichen Schicksals erst dann schockierend, wenn man der menschlichen Existenz a priori einen transzendenten Wert beimisst, wenn man sie allgemein aus einem christlichen oder gar politischen Blickwinkel betrachtet.

Man hat Schopenhauer zu oft in die Nähe Baltasar Graciáns oder der französischen Moralisten gerückt. In Wahrheit erinnern viele seiner besten Passagen eher an einen Kommentar zum Buch Kohelet.

Eine Religion kann sehr gut allein durch den Schrecken am Leben gehalten werden - das ist bei allen monotheistischen Religionen der Fall.

Hätte Comte Schopenhauer gekannt, er hätte in ihm wohl einen bloßen Metaphysiker gesehen, einen Vertreter der Vergangenheit (fraglos einen schätzenswerten, der sich in der Tradition Kants, des "größten aller Metaphysiker", bewegte, aber nichtsdestoweniger einen Vertreter der Vergangenheit). Hätte Schopenhauer Comte gekannt, hätte er dessen Überlegungen vermutlich nicht besonders ernst genommen. Die beiden waren, das nur am Rande bemerkt, Zeitgenossen (Schopenhauer 1788-1860, Comte 1798-1857). Oft bin ich versucht zu denken, dass auf intellektueller Ebene seit 1860 nichts mehr passiert ist. Es zerrt allmählich an den Nerven, in einer Ära der Mittelmäßigen zu leben, umso mehr, wenn man sich selbst außerstande sieht, das Niveau wieder anzuheben.

Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" (2015)



Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)