Zum 150. Todestag von Richard Hildreth

Wer war Richard Hildreth?

O Christentum! Was hilft Deine Fürsorge für die Armen, Deine Beschützung der Unterdrückten, Dein System der Bruderliebe! Die Schlange versteht auch aus dem harmlosen Blute der Taube Gift zu saugen! Die Tyrannen aller Zeiten und Länder haben das Christentum beständig als ein Werkzeug für ihre Verbrechen, als ein Schreckbild für ihre Schlachtopfer, und zur Verteidigung ihrer Bedrückungen missbraucht! Auch hat es ihnen nie an dienstwilligen Priestern und lügnerischen Propheten gefehlt, welche sie unterstützten! ...
Der Sklavenhalter Mr. Carleton war Vorstand einer Bibelgesellschaft und eifrig bemüht, die allgemeine Verbreitung der Bibel zu befördern. Ich fand jedoch bald, dass es außer mir auf seiner Pflanzung und überhaupt in der ganzen Nachbarschaft keinen einzigen Sklaven gab, welcher lesen konnte, und ich erfuhr sogar, dass Mr. Carleton durchaus abgeneigt war, es einen von ihnen lehren zu lassen. Dieser Gegenstand wirft auf die in Amerika herrschende Sklaverei ein Licht, welches dieselbe als jede andere Tyrannei überbietend darstellt und gibt ihr einen wahrhaft teuflischen Charakter. Mr. Carleton glaubte - und die große Mehrheit seiner Landsleute glaubt dies ebenfalls - dass die Bibel eine göttliche Offenbarung von Dingen enthält, die zum ewigen Heile des Menschen wesentlich notwendig sind. In diesem Glauben, und nebenbei aus philantropischer Prahlerei, haben sie Gesellschaften gebildet und verwenden - wie auch Carleton es sehr freigebig tat - viel Geld darauf, um die Bibel in der Welt zu verbreiten und diesen untrüglichen göttlichen Führer in den Besitz jeder Familie zu bringen. Während sie sich aber so eifrig bemühen, die ganze übrige Welt mit diesem unschätzbaren Buche zu beglücken, versagen sie es hartnäckig denen, welche das Gesetz ihrer ausschließlichen Obhut anvertraut, sie versagen es ihren Sklaven, "zu deren natürlichen Beschützern sie Gott bestimmt hat", um uns ihrer Lieblingsphrase zu bedienen, und indem sie dies eingestandenermaßen tun, setzen sie ihre Sklaven absichtlich und wissentlich der Gefahr der ewigen Verdammnis aus! Dieser furchtbaren Gefahr setzen sie sie absichtlich und wissentlich aus, denn wenn sie lesen lernten, würden sie zu gleicher Zeit auch ihre Rechte und die Mittel, dieselben zu beanspruchen, kennen lernen. Kann es eine empörendere Beleidigung der Menschheit geben? Andere Tyranneien haben höchstens das irdische Glück der Menschen zu zerstören getrachtet und sich, gestützt auf ihre verderbliche Macht, die ärgsten zeitlichen Grausamkeiten erlaubt; aber wo findet man in der ganzen Weltgeschichte noch ein Beispiel von Tyrannen, welche öffentlich bekannt haben, dass sie ihre Opfer lieber der entsetzlichen Gefahr der ewigen Verdammnis preisgeben, als ihnen einen Grad von Bildung angedeihen lassen wollen, der möglicherweise ihre ungerechte, eigenmächtig angemaßte Autorität gefährden könnte? Kann jemand ohne Entrüstung an dieses herzlose, höllische Bekenntnis denken, und sollte man glauben, dass es Menschen gibt, die es offen aussprechen? Und zwar Menschen, die in anderer Beziehung nicht aller edlen Gesinnungen entbehren, Menschen, welche von Freiheit, Tugend und Religion, ja selbst von Gerechtigkeit und Humanität sprechen! ...
Ich aber sage ihnen, dass die Zeit vorüber ist, wo Mr. Carleton's Lehre vom passiven Gehorsam alles ist, was ein Religionslehrer predigen soll. Es gibt noch einen andern Geist und dieser Geist wird überall eindringen, wo der Religionsunterricht ihm den Weg bahnt. Es ist jetzt nicht mehr möglich, den Sklaven als einen christlichen Bruder zu begrüßen, ohne zuerst seine Menschenrechte anzuerkennen.
(Aus: Der weiße Sklave oder Denkwürdigkeiten eines Flüchtlings. Eine Geschichte aus dem Sklavenleben in Virginien. Nach der 17. amerikanischen Auflage aus dem Englischen. Leipzig 1853)

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)