Zum 100. Todestag von Hermine Villinger


Der Jud' ist so gut ein Mensch wie ihr, wer ihn schimpft, dem weis' ich die Thür
(sagt Attala 1899 in "Die Thalkönigin" von Hermine Villinger)

Hermine Villinger verbrachte ihre Jugend vom dreizehnten bis zum sechzehnten Lebensjahr im Kloster in Offenburg. "Aus den Klostererfahrungen entwickelte sich bei Villinger eine tiefe Skepsis gegenüber der Institution Kirche, die jedoch bei ihr nicht mit einer Abkehr vom christlichen Glauben einherging ..." (B. Wild)
Eine kleine Szene am Anfang ihres Erinnerungsbuches "Simplicitas" (1907) erzählt, wie sie noch einmal zur Beichte ins Kloster zurückkehrt:

"Mon père", sagte ich, "es kommt mir leider vor, als hätte ich drei Seelen".
"Comment", rief er aus, "das ist ein wenig viel! Was wollen sie denn mit ihren drei Seelen?"
"Die eine", gab ich ihm zur Antwort, "möchte ins Kloster gehen, die zweite zum Theater und die dritte möchte gern einen netten kleinen Haushalt haben mit vielen herzigen Kinderchen".
Père Bouger lachte laut auf und warf sich so heftig in seinen Stuhl zurück, dass es krachte.
Dann sagte er: "Das Theater streichen wir durchaus; mit dem Kloster – ich habe keine Hoffnung; bleibt also das dritte. Ich nehme an, mademoiselle, dass wenn Sie heiraten, doch selbstverständlich nur ein katholischer Mann in Betracht kommt?"
"Mon père", sagte ich, "wenn ich einen Mann kennen lerne, so weiß ich doch nicht gleich, ob er katholisch oder protestantisch ist" [...]
Jetzt fing er wieder an zu lachen und wie toll.

Hermine Villinger entschied sich für keine der drei Optionen, sondern ging als ledige und selbständige Schriftstellerin einen "von der Normalität des Frauenlebens abweichenden Weg." (G. Wilkending)
Villinger konvertierte außerdem zum Protestantismus, die Rede bei der Bestattung am 5. März 1917 in Karlsruhe hielt Karl Hesselbacher (veröffentlicht in der "Monatsschrift für Pastoraltheologie zur Vertiefung des gesamten pfarramtlichen Wirkens").
Ihre 1899 in der "Allgemeinen Zeitung des Judenthums" veröffentlichte Erzählung "Der Herr Pfarrer hat das letzte Wort" (Teil 1 und Teil 2) ist im Geist der jüdisch-christlichen Versöhnung geschrieben.

In einer Besprechung ihres Romans "Der Stadtrat" schrieb die katholische "Allgemeine Rundschau" 1913:
"Hermine Villinger gehört zu den Autoren, die ihre Leser, wenn einmal gepackt, für immer festhalten. Sie bringt keine durch ihre Neuheit überraschende, welterschütternde Stoffe; ihre Darstellung reißt uns nicht in atemraubender Spannung mit sich fort. Wohl aber behandelt sie Themen, welche die Wohlfahrtsgrundlage der menschlichen Gesellschaft bilden und die nie veralten werden, solange die Welt steht: Familien- und Herzensleben, Tüchtigkeit, Tugend, inneren Frieden. Und sie zeigt die Wege zu letzterem auf, beleuchtet, ohne Lehrhaftigkeit, in frischer, vertiefter, ansprechender Weise die Gründe und Urgründe der allerlei Menschlichkeiten, die sich nun einmal in uns allen finden, und legt die Mittel klar, ihnen zu unserm eigenen und anderer Segen zu begegnen, das Schicksal zu tragen und seiner Herr zu werden."

Die katholische Zeitschrift "Literarischer Handweiser" schrieb 1911 in einer Besprechung ihres Romans "Ein Lebensbuch":
"Von der Schwarzwälderin Hermine Villinger ist schon manches wackere Werk ins Land gegangen; auch ihrem neuesten Roman können wir einen guten Paß ausstellen. Voll Poesie, ja voll köstlichster Poesie, ist dieses Leben, das uns V. schildert."

Die katholische Zeitschrift "Die Bücherwelt" schrieb 1917 in einem kleinen Nachruf:
"Über religiöse Dinge geht Villinger in ihren Büchern zumeist mit einer völligen Gleichgültigkeit hinweg. Von der kath. Erziehung in der Klosterschule ist in ihren Schriften nur eine sehr verschwommene Erinnerung nachzuweisen, so dass ihr nur selten Schiefheiten und Gehässigkeiten unterlaufen ..." (S. 161)


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)