Der neue Roman von Christoph Hein

Gudrun Becker begriff sich als sozialistische Christin, sie gehörte zum Tillich-Kreis, der im Evangelium Jesu und seiner Bergpredigt eine Verpflichtung für jeden Christen sah, die vom Mammon und Kapitalismus beherrschte Gesellschaftsordnung mit friedlichen Mitteln zu überwinden. Sie arbeitete bei der christlichen Gewerkschaft.

Nina war eine entschiedene Atheistin, für die alle drei christlichen Kirchen die Schleppenträger der alten Macht waren. Sämtliche Kirchenfürsten nährten sich nach ihrer Meinung vom Schweiß der ausgebeuteten Massen, und ihre Hände seien mit dem Blut von Arbeitern und Bauern befleckt. Gudrun sprach von den Märtyrern, den Blutzeugen Christi, die es immer gegeben habe und die heute in Deutschland das christliche Evangelium gegen die nationalsozialistische Ideologie verteidigten, von den Theologen der Armut, die sich für die Schwachen und Bedürftigen, für die arbeitende Masse einsetzten.

"Und was machst du als gläubige Sozialistin?", erkundigte Nina sich.
"Ich lese. Ich lese Schriften von Tillich und von Philosophen."
"Auch Karl Marx und Lenin?"
"Ja, Marx haben wir in Berlin gelesen. Und Kant, Immanuel Kant."
"Oh, sehr gut. Kant, Königsberg. Ich habe es auch einmal probiert, im Philosophieseminar der Ingenieurhochschule. Aber kaum etwas verstanden. Kant ist sehr, sehr schwer. Und du verstehst ihn, Gudrun?"
"Nur wenig, aber Tillich rechnet ihn zu den geistigen Vätern der Religiösen Sozialisten."
"Und was verstehst du davon? Die Hälfte? Jeden zweiten Satz?"
"Ehrlich gesagt, viel weniger. Aber das Wenige, was ich verstehe, gefällt mir. Das ist ein kluger Kerl. Wenn ich Kant lese, fühle ich mich wie ein besserer Mensch."
"Dann ist das so wie in der Kirche. Die Leute verstehen von dem lateinischen Gebrabbel nicht einmal die Hälfte. Nur ein paar Worte, aber die alten Mütterchen sind glücklich."
Gudrun lachte: "Ja, geht mir auch so. Vielleicht ist Kant so etwas wie meine Liturgie. Mein Kirchenlatein."

Einer von den Betriebszellen hielt uns einen Vortrag und erklärte, Nationalsozialismus und christliche Auffassungen seien unvereinbar. Die christlichen Kirchen bauten auf der Unwissenheit der Menschen auf, sie wollten die Menschen verdummen, denn nur so könnten die Kirchen ihre Macht bewahren. Demgegenüber sei der Nationalsozialismus auf wissenschaftlichen Fundamenten gegründet und betreibe die Aufklärung des Volkes. Deutschland brauche eine arteigene Religion, einen deutschen Glauben, es benötige keine Religion, die in all ihren Glaubenssätzen vom Judentum übernommen worden war. Eine germanische Glaubensgemeinschaft benötige Deutschland und keinen jüdischen Wolf im Schafpelz. Und dann riss er den rechten Arm hoch und rief: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Gudrun sprach mit Galja auch über den Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands, von dem Galja noch nie etwas gehört hatte. Bei ihnen in der Sowjetunion wäre ein solcher Bund nicht möglich, meinte sie, denn entweder ist man Mitglied der Partei, und dann glaubt man nicht an Gott, oder man ist gottgläubig wie die alten russischen Frauen, und von denen würde nie eine in die Partei aufgenommen werden. "Das ist ganz und gar ausgeschlossen", meinte sie, "wie kann man denn gleichzeitig in der Partei sein und in der Kirche?" Sie lachte so herzlich über den Gedanken, dass sie Gudrun unwillkürlich mit ihrem Lachen ansteckte. "Kirche und Partei, das sind nur Organisationsformen", erklärte sie dann Galja, "ich bin gottgläubig, wie du das ausdrückst, aber ich gehöre keiner Kirche an, und man kann Marxist oder sogar Kommunist sein und jede Parteimitgliedschaft ablehnen. Aber die Bergpredigt, die wirst du wohl kennen, dort sind ganz genau die gleichen Grundsätze genannt wie in den Schriften von Marx. Gerechtigkeit, sozialer Ausgleich, Solidarität mit den Schwachen und Entrechteten, Hilfsbereitschaft, eben Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das alles ist genauso christlich wie marxistisch, und darum sind christliche Sozialisten kein Widerspruch in sich, sie bedingen vielmehr einander."
Galja hörte überrascht zu. "Na ja", meinte sie, "so gesehen klingt das vernünftig. Aber die Partei ist da anderer Ansicht. Solche Ideen solltest du lieber nicht äußern."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)