Der neue Roman von Christoph Hein:
Glückskind mit Vater

Die Krebs-Diagnose hatte eine Saite in mir erklingen lassen, die nicht zu meinem Leben gehörte, hatte unerwünscht einen Ton von Ende und Ewigkeit in meinen Alltag gebracht, womit ich mich nie zuvor befasst hatte. Ich hatte nie etwas damit zu tun, mein Leben hatte ich anders aufgebaut. In meinem Leben ging es nicht um die sogenannten letzten Fragen, um Jenseits und Schuld, um das Woher und Wohin des Menschen. Über das Schicksal hatte ich mir nie den Kopf zerbrochen oder mich mit dem vielberedeten Geheimnis der Schöpfung befasst. Gelegentlich fiel mir ein Büchlein zu diesem Thema in die Hände, ich las es amüsiert und gelangweilt. Wozu, dachte ich nur, wieso glaubt dieser Bursche mehr vom Leben zu verstehen, nur weil er ebenso geheimnisvolle wie nebulöse Sätze zu Papier bringt und als bedeutender Philosoph gilt. Alles, was er über den Tod sagt, ist pfäffisches Gewäsch, solange er nicht die Spur eines Beweises präsentieren kann. [...] Es wäre vertane Zeit, da es der Vernunft und Logik widerspricht, über das Unbekannte Aussagen zu treffen. Ich akzeptiere, was ich nicht erfassen und begreifen kann, und kann damit leben. Schon die Unendlichkeit des Universums übersteigt die Kräfte meines Verstandes, ich kann mir einen solchen Raum kaum vorstellen, und ihn zu erfassen, ihn zu benennen und auf dem Papier auch nur beweisfähig darzustellen, übersteigt meine Möglichkeiten. Aber ich kann mit dem Unbegreifbaren, dem Unfasslichen leben, ich benötige keine Krücken des Glaubens oder der Philosophie, keine lyrischen Ergüsse, um dieses Dunkel zu ertragen. Ich weiß, es existiert eine Welt, die ich nicht erfahren und erkunden kann. Große, erhabene Worte, um das unerreichbare, sich mir entziehende All zu beschreiben oder gar anzurufen, sind mir zuwider, ich kam mit mir zurecht. Ich lebe und ich weiß, eines Tages werde ich sterben. Ich werde verschwinden und alles wird sich auflösen, wird gelöscht, was ich einmal war und bewirkte. Ich war damit einverstanden, es gab keine Probleme.

Verlassen Sie sich nicht auf die Erinnerungen alter Männer. Mit unseren Erinnerungen versuchen wir ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen. Es sind diese fatalen Erinnerungen, die es uns schließlich erlauben, Frieden mit uns selbst zu schließen.

Man kommt nicht durch diese Welt ohne Schuld und Scham, aber das konnte und wollte er diesem kleinen Mädchen nicht erklären, das würde es früh genug in seinem Leben selbst erfahren. Auch sie wird irgendwann vor einer Entscheidung stehen, die so oder so nicht richtig ist, wo man sich immer nur falsch entscheiden kann und es dennoch tun muss.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)