Der neue Roman von Helene Hegemann


Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass nichts, was ich sehe, tue oder will, für länger als einen kurzen Moment von Bedeutung ist.

Die Menschheit war im Grunde eine einzige Obszönität, der eine Teil der Menschheit [...] hatte Appetit auf argentinisches Büffelfilet und machte Urlaub in Umbrien, der andere Teil war arm und gelangweilt, und zu dem gehörte ich, wir waren Speere der Verdammnis, Mythos, Geschichte, Stille, Verwandlung, Moskau, Rom, Paris, Berlin.

Jedes Mal, wenn ich am nächsten Morgen aufwachte, empfand ich es als einer Kette von Zufällen geschuldetes Wunder, nicht gestorben zu sein.

Ich betete zu dem monotheistischen Gott, zu dem die Christen beteten, an den ich nicht glaubte, der mir aber, im Gegensatz zu anderen Gottheiten, ab und zu mal bei einem ökumenischen Erntedank-Gottesdienst in die Quere gekommen war.

Charlotte war für Maria das, was sie selbst später für mich sein würde, das Gegenteil vom eigenen Leben, ein Versprechen darauf, dass es in der Welt noch was anderes gab als Wursthautfabriken und Gottesdienste. Charles Dickens lieferte ihr das grundlegende Wissen über die menschliche Natur, die Bibel ein paar Feindbilder, H. P. Lovecraft ihren Hang zum Übernatürlichen. Als sie in einem Buch über nordische Mythologie zu blättern begann, spürte sie, dass das geschriebene Wort ihr einzig wahrer Zugang zur Welt war. Für manche war das Musik, für andere Mathematik oder Sex. Für Maria waren es Buchstaben auf Papier.

Ich erinnere mich, wie ich [...] als einziger Mensch der Welt begriffen zu haben glaubte, was Liebe war, worum es bei Sex ging, auf keinen Fall um Skills oder Sportlichkeit, nicht mal um Erfahrung, sondern um etwas, das nichts mit dem Vorgang zu tun hatte, nichts damit, ob man wem die Klamotten vorn Leib riss oder erst in Zeitlupe an dessen Ohrläppchen rumkaute, nur mit diesem Erbarmen, das gerade in meiner Brust explodierte wie Panik [...] Alles hing echt nur mit Selbstaufgabe zusammen, dachte ich.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)