Der erste Roman von Dörte Hansen: Altes Land

Es war so still.
Nicht, dass sie viel geredet hätten miteinander. Aber Elisabeth hatte gesungen und gesummt, immer, beim Aufstehen schon, in der Küche, im Garten, in den Obstbäumen, den ganzen Tag. Sie merkte es gar nicht, aber er konnte immer hören, wo sie war. ...
Seit Elisabeth nicht mehr summte, weil ein Malermeister aus Stade sie mit vierzig zu viel auf dem Tacho in der großen Kurve vom Fahrradweg gefegt hatte, lebte Heinrich Lührs ohne Ton. Zwanzig Jahre Stummfilm, seit sie tot war.
Denn er hat seinen Engeln befohlen ..., hatten ihre Freundinnen vom Kirchenchor auf der Trauerfeier gesungen, das war ihr Konfirmationsspruch gewesen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen ..., und da hatte Heinrich schon gewusst, dass er nicht wieder in die Kirche gehen würde. Auf den Friedhof, ja, jeden Sonnabend ging er dahin. Er hielt das Grab in Ordnung, pflanzte im Frühling Begonien, rot und weiß, immer im Wechsel, so hatte Elisabeth es in ihrem Garten auch gemacht.
Aber dass seine Frau mit dreiundfünfzig Jahren am Straßenrand sterben musste, überfahren wie ein Tier, das hatte sie nicht verdient.
Und er auch nicht. Heinrich Lührs hatte viele Tage und Nächte lang Stein für Stein in seinem Leben umgedreht und nach dem Fehler gesucht, dem großen Verbrechen, das er begangen haben musste. Und er fand es nicht. Er war gut gewesen zu seiner Frau und seinen Kindern. Streng, ja, mitunter auch mal aufbrausend, aber nicht schlecht. Er rauchte nicht, er trank nicht mehr als andere, er hatte keine Frauengeschichten. ... Er hatte seinen Eltern keine Schande gemacht, er hatte seinen Hof und sein Haus immer hundertprozentig in Ordnung gehalten, er war fleißig und tüchtig, ein hilfsbereiter Nachbar. Er hatte das Finanzamt nicht betrogen, er schummelte nicht mal beim Skat.
Gottes Engel konnten abschwirren. Sie hatten eine merkwürdige Vorstellung davon, was das hieß, jemanden beschützen auf all seinen Wegen und auf Händen tragen. "Wir können Gottes Wege ja nicht immer verstehen", hatte die Pastorin gesagt, aber Heinrich Lührs hatte das sehr gut verstanden: Mal eben die Muskeln zeigen, einen geraden Rücken krummbiegen, einen Mann in die Knie zwingen. Damit er dann in die Kirche rannte und das Beten lernte. Darum ging es doch.
Nicht mit ihm. Diese Sache war nicht in Ordnung, und er dachte nicht daran, sich damit abzufinden.

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)