Der neue Roman von Ulla Hahn

Gott ist doch tot, seufzte ich mit gespieltem Ernst.
Ach was, sagte Hugo. Der ist nicht totzukriegen. Der ist sowenig tot wie ein Gedicht, wenn es nicht gelesen wird. Es kann jederzeit wieder lebendig werden, bei jedem Lesen, bei jedem An-ihn-Denken.
Egal wie?
Egal wie. Noch Nietzsche mit seinem Gott ist tot hielt ihn lebendig. Jeder Atheist, jeder, der ihn leugnet oder bekämpft, belebt ihn.
Aber die Gleichgültigen, fiel ich dem Freund ins Wort.
Selbst die müssen ihre Gleichgültigkeit benennen, Hugo zog die Mundwinkel nach unten. Selbst im Linksliegenlassen, im Totschweigen ist er noch da. Gott, sagte Hugo in seinem für gewisse feierliche Zwecke bestimmten Tonfall, Gott ist wie ein Gedicht. Wir müssen das Alte immer neu lesen. So halten wir das Gedicht lebendig.

Und dann stand ich vor Maria im Kapitol. Nicht ein Mal hatte ich, seit ich ohne Hugo war, eine Kirche betreten. Ich wagte es.
[...] Letztes Licht erhellte den erhöhten Altar. Opfertisch. Roter Plattstich auf weißem Damast verkündete: "Deus caritas est". Gott ist Liebe. Da konnte ich nur lachen. Hohnlachen. Derdaoben [...] spielte sein Spiel mit mir. Nach seinen Regeln. Da gab es nichts zu verstehen. Nichts als bösartige Willkür.
Ich spürte, wie mein Zorn auf Hugo wich und ein neues, fast triumphales Gefühl von mir Besitz ergriff, nein, über mich herfiel dieses Gefühl, diese Erkenntnis, mit blitzender Klarheit und Gewalt. Erleuchtet fühlte ich mich. Nicht Hugo hatte mich verlassen, nicht Hugo hatte mir das angetan, nicht der Liebste ließ mich leiden, sondern dieser feine Herr da oben, der Herr über Leben und Tod.
Ich hasse dich, hörte ich mich durch zusammengebissene Zähne knirschen. Hasse dich!, schrie ich demselben Gott entgegen, den ich gemeinsam mit Hugo so selig angehimmelt hatte. Ich werde dir nicht den Gefallen tun, nicht mehr an dich zu glauben, dich zu leugnen. Mit der Kraft, mit der ich Hugo geliebt habe, mit der Kraft, die du mir gegeben hast, Hugo zu lieben, mit eben der Kraft werde ich dich hassen. Du hast mich beraubt. Hugos Tod war ein Raubmord. Ich dich lieben? Wofür? Nicht einmal einen Abschied hast du mir gegönnt. Hassen werde ich dich dafür mit der ganzen Kraft meiner Liebe. "Jesus dir jauchzt alles zu / Herr über Leben und Tod bist du", hatten wir Ostern gesungen. Ich war mit ihm fertig, dem feinen Herrn. Dem heiligen Dreigestirn.
O nein, Gott war nicht tot, wie es uns ein nachsichtiger Philosoph tröstlich verkündet hatte, er war ein unbarmherziges, allmächtiges, herzloses Scheusal. Gott ist tot? Dann hätte ich ihn ja verscharren können; wie sie Hugo verscharrt hatten.

Hass auf Gott überwucherte die Trauer um meine Liebe, machte sie beinah erträglich. Dieser Hass hielt mich am Leben. Weil da Etwas war und nicht nichts.

Ich brachte alles mit, was man für eine Religion braucht. Bindungswille, Ergebenheit. Den bereitwilligen Blick, die Wirklichkeit zu formen nach einer höheren Wahrheit. Der Wahrheit der Kirche. Der Wahrheit der Partei. Sich in den Dienst der Großen Sache stellen, den Eigen-Sinn aufgeben [...], sich der Partei anvertrauen wie vormals dem lieben Gott. Beitragen zur Verbesserung der Menschheit, nicht im Himmel, sondern hier und jetzt.
Aber ich war von Anfang an ein unsicherer Kandidat. Ich hatte einer Kirche schon einmal den Rücken gekehrt und wusste, das konnte man überleben. Daher blieb mir bei allem Glaubenwollen immer dieser Millimeter Zweifel ...


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)