Der neue Roman von Norbert Gstrein


Ich erinnerte mich, wie ich bei Fannys Geburt so naiv gewesen war, ihr vorzuschlagen, wir könnten das Kind taufen lassen, und wie sie protestiert hatte, ob ich den Verstand verloren hätte, und wie das dann mit der Zeit, wenn es zur Sprache kam, für sie zu einer lustigen Anekdote geworden war, derzufolge sie mich gerade noch zurückzuhalten vermocht hatte, ein mittelalterliches Opferritual mit höchst ungewissem Ausgang zu vollziehen, und ich dastand wie ein auf frischer Tat ertappter Kuttenträger bei einer seiner notorischen Untaten, das Schlachtmesser in der einen, das Kreuz in der anderen Hand. Wenn sie die Kirche nur erwähnte, vergaß sie nie dazuzusagen, dass es in ihren Augen eine Verbrecherorganisation sei und sooft ich meine Internatsjahre in einem Kloster verteidigte und behauptete, ich sei glücklich gewesen als studierender Zögling dort in meiner zwei mal drei Meter großen Zelle, wenn es draußen geschneit habe oder im Klostergarten Schnee gelegen sei und ich um fünf Uhr morgens hätte aufstehen und meine Lateinvokabeln wiederholen können, bevor ich brav in die Frühmesse ging, endete es immer im Streit.

"Können Sie sich das vorstellen: ein Paradies ohne Sünde?", fragte er.
"Nein", sagte sie reflexartig. "Dann wäre es keines mehr."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)