MFThK, GA, 21.11.14

Das neue Album von Herbert Grönemeyer

Heute ist das neue Album von Herbert Grönemeyer erschienen, es heißt "Dauernd Jetzt" und ist sein vierzehntes deutschsprachiges Studioalbum.
Mit dem Lied "Roter Mond" enthält die Platte eine erneute Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Frau Anna. Während in Grönemeyers wohl bekanntestem Lied "Der Weg" jede Jenseitsperspektive fehlt, wird die Verstorbene nun im Refrain als Lebende angesprochen: "Und ich weiß und ich häng' an dem Glauben, dass Du an mich denkst, und ich fühl' und ich mein', dass Du irgendwo durch die Sterne scheinst". Das Lied endet allerdings mit der skeptischen Frage "... was dann am Ende steht?"
Auch das Lied "Neuer Tag" ist vermutlich eine Anrede an seine verstorbene Frau Anna:
"Ich trag' immer das Bild in mir, das Du warst ... Bleibe mein Versprechen bis wir uns wiedertreffen ..."
Was gibt's sonst noch auf dem Album?
Das Lied "Pilot":
"Verbeiß' Dich ins Leben, schul' Deinen Blick ... Bleib Dein Pilot ... scher' Dich ums Leben, lautstark autark ... Bleib' Dir treu und treuer ... Denk' an Deinen Start, woher Du bist ... Was auch immer ist: Du bist Deine Heimat, Dein einzigartiges, Dein einmaliges Ich." Rätselhaft an dem Lied bleibt der Appell "Übersteuer und verflieg". Das wünscht man normalerweise keinem Piloten.
Das Lied "Uniform":
"Verramsch nicht Dein Etwas, bleib' fremd und stark, im Zwielicht und Schatten, entzieh' Dich dem Markt. Verteidige Deine Grenzen. Du bist das, was keiner sieht. Jeder Mensch braucht zum Überleben sein intimes Sperrgebiet. ... Jeder hat ein Recht auf Ruhe, auf Fehlerhaftigkeit, keiner braucht ein drittes Auge, das nicht von ihm weicht ... Wir zerfleddern unsere Seele für ein bisschen Bewunderung nur und wir werden zu Datensätzen der digitalen Diktatur. ... Interessier' Dich für Dich, bleib' fremd und vage, bleib' geheim Dein ganz eigener Zauber solang es nur geht! ... Und wir verfetten unsere Köpfe, wir überzuckern unseren Geist, wir sind im Kampf Mensch und Maschine ..."
Steffen Rüth nennt das Lied "eine Art Kampflied gegen die Entblößungsgeilheit im Internet".
Das Lied "Einverstanden" wurde von Annette Humpe geschrieben, die dem Buddhismus nahesteht.
"So wie es ist, ist es gut. Ich bin einverstanden. Wenn es so ist, ist es gut. ... Ich bin mein eigener Verstärker, stoisch wie ein Brett. Ich weiß, was Abschied ist. Ich bin einverstanden. Ich weiß, das Leben ist gut zu mir." (In "Der Weg" hieß es noch: "Das Leben ist nicht fair.")
Das Lied "Wunderbare Leere":
"Jeder Mensch schreibt klammheimlich seine Biographie, spielt die Hauptrolle in seinem Film und führt dabei Regie, Ort und Handlung sind nicht gleich, aber gleich ist die Magie und die ist reich. Und die ist reich ..."
Das Lied enthält eine Anspielung auf Bob Dylans apokalyptischen Klassiker "A Hard Rain's A-Gonna Fall": "Wenn der harte Regen auf mich fällt, wasch' ich mit ihm mein Gesicht". Kann das vielleicht nur einer, der "stoisch wie ein Brett" ist (s.o.)? Andreas Montag fühlt sich bei dem Lied an den Grönemeyer von 1998 erinnert: "Die Sintflut ist verebbt, die Sünden vergeben."
Bei der Vorstellung des Albums in Berlin sagte Grönemeyer über dieses Lied: "Der Inhalt entspricht meinem Lebensgefühl ... Meine Art zu leben ist es, den Moment zu genießen und das Glück einfach mal dauern zu lassen. ... Ich schaffe es, zwischendurch zu denken: Du bist ganz in Ordnung." (BZ)
Auf Grönemeyers Facebook-Seite wurde folgendes Bild mit Zeilen aus dem Lied "Wunderbare Leere" veröffentlicht:
"Eine wunderbare Leere umgibt dich" – so beschreibt Osho die Erleuchtung. Auf die Interview-Frage Mit "Dauernd Jetzt" und "Wunderbare Leere" beschreiben Sie zwei Basis-Prinzipien der buddhistischen Philosophie, nämlich im Hier und Jetzt zu leben und die geistige Leere anzustreben. Zufall oder haben Sie sich tatsächlich mit dem Buddhismus beschäftigt? gibt Grönemeyer eine Beschäftigung mit dem Buddhismus zu und erklärt: "Ich würde nicht sagen, dass ich Buddhist bin, aber Anteile am Buddhismus halte ich für sehr interessant." (Kurier)
Im Lied "Der Löw" wird das Tor von Mario Götze im WM-Finale als "Hand Gottes Gefüge" und "Moment der Ewigkeit" besungen.
Grönemeyers Lyrik sollte nicht überinterpretiert werden. Grönemeyer schreibt erst die Musik, dann die Texte. Und "manche Worte seien bloß da, weil noch ein oder zwei Zentimeter Platz auf dem Papier gefüllt werden mussten", so Grönemeyer laut "musikexpress" bei der Vorstellung des Albums in Berlin (Vgl. auch das Zitat in der "Badischen Zeitung": "Man muss aufhören, jedem meiner Worte eine Bedeutung zu geben. Manchmal steht so ein Wort nur da, weil dort vorher eine Lücke war.")
Weitere Stimmen aus der Presse:
"Als Fazit des neuen Albums halten wir fest: Grönemeyer ist zufrieden, aber auch orientierungslos." (Tagesspiegel)
"Grönemeyer singt für die Leute in den Doppelhaushälften. Er ist Volkssänger, Nationaldichter und Mittelstandsflüsterer. Sein Lebenswerk ist das Urmeter deutschen Befindens." (RP)
"Würde ein Schulkind so reimen wie Grönemeyer, es käme nicht ohne Tadel davon. Er ist wohl das, was Bruce Springsteen für die USA ist. Ein Seismograf untergründiger Stimmungen, ein Mann, der in guten Momenten den Geist eines ganzen Landes in wenigen herausgepressten Worten auf den Punkt bringen kann." (Die Presse)
"Für Deutschland ist Grönemeyer so wichtig wie Bruce Springsteen für Amerika. ... Es geht bei ihm vor allem um den Text. Grönemeyer ist ein Empfänger: Die Worte kommen einfach. Woher, weiß er selbst nicht so genau. Sie kommen einfach. ... Der Popstar spricht ganz Deutschland aus der Seele und direkt ins Herz." (Berliner Morgenpost)
"Wer würde von sich sagen, er könne die deutsche Seele besser ausleuchten als Herbert Grönemeyer?" (HAZ)
"Grönemeyer ist der einzige deutsche Soulsänger, Seelensänger, wenn man genau ist. Seiner Seele und der Seele der Deutschen." (SPON)
Doch werden in den Urteilen, die Grönemeyer und deutsche Seele kurzschließen, nicht die Werbetexte der Plattenfirma unkritisch rezipiert? Gerrit Bartels schränkt wohl zu Recht ein: "Grönemeyer versteht es, den Generationen ab vierzig aufwärts aus Herz und Seele zu sprechen". Und selbst in diesen Generationen wäre milieuspezifisch noch erheblich zu differenzieren.
Weitergedacht: Wenn man ein dominantes Zeitgefühl der Gegenwart dadurch charakterisieren könnte, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem Jetzt zusammenschnurren, zu einem Jetzt ohne Traditionen, Visionen und Utopien, zu einem Jetzt, das man atemlos feiern und auskosten soll (Yolo!), könnte man dies an vielen Beispielen der gegenwärtigen Pop-Musik – und das durchaus stilübergreifend – belegen, z.B. an Liedern von Andreas Bourani ("Wer friert uns diesen Moment ein, besser kann es nicht sein", 2014), Cro ("Die Welt ist perfekt und die gute alte Zeit ist jetzt, jetzt, jetzt, jetzt", 2014) oder Juli ("Alles, was wir haben, ist jetzt", 2014).
(Weitere Beispiele bitte dem Verfasser mitteilen)

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)