Der neue Roman von Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex

Ich bete manchmal. In meiner Familie glaubt niemand an Gott. Ich eigentlich auch nicht so ganz, aber man kann nie wissen. Normalerweise bete ich darum, dass ich nicht mehr unglücklich sein muss und irgendetwas passiert, das alles gut macht. Und darum, dass M. meine Freundin wird. Bislang sieht es nicht aus, als würde er Zeit haben zuzuhören.

Ich lege mich aufs Bett und hole meine Geheimmappe unter der Matratze hervor. Darin benote ich von Zeit zu Zeit alle, mit denen ich eng zu tun habe. Eigentlich verwende ich keine Noten, sondern ein Punktesystem. Ich verteile Gutpunkte und Schlechtpunkte, anhand derer ich meine aktuelle Liebhabrangliste erstelle. ...
Das Zahnweh wird wieder ärger. Gott bekommt zehn Minuspunkte. Ich sage ihm, wenn die Schmerzen jetzt aufhören, bekommt er sofort hundert Pluspunkte. Nein, tausend. Und dass ich mein Zimmer aufräumen und in der Schule das Mädchen mit dem Affengesicht nie mehr hänseln werde, obwohl sie eine gemeine Kuh ist und es verdient hat. Aber statt schwächer zu werden, werden die Schmerzen immer stärker.
Ich verpasse Gott noch einmal hundert Minuspunkte. Die Schmerzen werden ärger und ärger. Ich bin so wütend auf ihn, dass er noch einmal hundert kassiert. Nun ist er Letzter.

Ich muss ich sein. Und daran wird sich nie wieder etwas ändern. Ich bin ich, und das war's, damit hat sich's. So wie sie sie sein muss und die Frau mit der eckigen Brille neben mir die Frau mit der eckigen Brille sein muss und der Mann mit dem eleganten Mantel vor mir der Mann mit dem eleganten Mantel sein muss.
Der, der ich sein muss, steigt in ein Flugzeug, das in ein heftiges Gewitter gerät, und muss kotzen. ... Der, der ich sein muss, hört Schreie anderer Passagiere, als es mit der kleinen Maschine auf und ab geht und hin und her, und der, der ich sein muss, ist sich sicher, dass er jetzt sterben muss, er ist eine Stunde lang sicher, dass er jetzt sterben muss, und er hätte gern jemanden neben sich, mit dem er darüber reden könnte, dass er jetzt sterben muss. Aber er muss jetzt noch nicht sterben, vielleicht weil er dem, der vielleicht über ihm ist, zehn Millionen Gutpunkte versprochen hat ... und am Frankfurter Flughafen ... denkt der, der ich sein muss, in die Dunkelheit hinein, wie seltsam es ist und zugleich unbedeutend, dass er der sein muss, der er ist und der er immer bleiben wird, bis er eines Tages nicht mehr sein wird.

Mein Leben. Ein Strom von Zufällen, Ereignissen, Gefühlen und Entscheidungen. So wie jedes Leben. Doch niemals wird ein anderer meines nachfühlen. Niemand wird je wissen, wie es war zu werden, was ich gewesen bin, und zu sein, was ich geworden bin. Es ist in mir und nur in mir und kann von niemandem bewahrt und von niemandem beschützt und von niemandem geraubt werden.

In der Hüfte pocht es immer heftiger. Etwas scheint darin anzuschwellen. Der eigentliche Schmerz fühlt sich spitz an, und bei dem Gedanken, was das sein könnte, wird mir noch übler.
Wieso hast du das gemacht, Gott.
Ich verfluche ihn. Ich schwöre ihm eine Milliarde Minuspunkte in seinen strahlend blauen Himmel hinauf. Er soll da oben in seinem scheiß Himmel hocken und mich in Ruhe lassen.
Aber dann denke ich daran, dass ich ihn noch brauchen könnte.
Lieber Gott, bitte mach, dass es nicht zu schlimm ist. Bitte nimm den Schmerz weg. Verstehst du mich eigentlich nie?

Ich frage mich, ob ich den Namen meines verstorbenen Freundes in meiner Geheimmappe durchstreichen soll. Ich entscheide mich dagegen. Er ist noch da. Ich rede mit ihm und stelle mir vor, was er darauf sagen würde. Trotzdem habe ich keine Lust, von ihm tatsächlich ein Zeichen oder gar eine Botschaft zu erhalten. Die Toten sollen drüben bleiben. Ich will sie nicht bei mir. Ich will, dass sie drüben auf mich warten. Diesen Gedanken finde ich tröstlich.

Wir tun immer so, als wäre die Gegenwart etwas Absolutes. Wir haben keinen Begriff von Geschichte. Wenn man sich die Evolution vorstellt, wird einem schwindlig, aber so weit muss man gar nicht zurückgehen, es genügen ein paar Jahrhunderte. Alles war einmal anders. Was wir sehen, ist ein Wimpernschlag.

"Sinn zu suchen ist so absurd wie Liebe zu suchen. Auf beides trifft man oder auch nicht. Schicksal. Glück. Pech. Egal. Nichts, was sich beeinflussen ließe."
"Wovon reden Sie? Was spricht gegen die Suche nach Sinn? Sind Menschen, die nach Sinn suchen, nicht die angenehmeren Zeitgenossen?"
"Die sind die reine Pest. Mehr kann man den anderen gar nicht auf die Nerven gehen als mit Sinn."
"Was ist denn mit Ihnen heute los?"
"Ein Anflug von Realismus. Wenn wir den Makrokosmos betrachten, so wissen wir, dass zwischen der kleinsten Bazille und uns Menschen bei weitem nicht solche Größenunterschiede bestehen wie zwischen uns Menschen und einer der hundert Milliarden Galaxien, die wir kennen. Was, kalt gesagt, bedeutet: Wir sind so etwas wie Fliegendreck. Und jetzt schwirrt der Fliegendreck herum und sucht nach Sinn. Ein Verzweiflungsakt. Na gut, vielleicht gibt es Sinn. Für manche. Irgendwie muss man sich ja beruhigen. Dafür habe ich volles Verständnis. ... Aber jemand wie Sie sollte verstehen lernen, dass man Sinn nicht findet. …"

Es ist schön, so einen Freund zu haben. ... Wir sehen es ähnlich, dieses Leben. Es gibt keinen Trost, wir warten, auf die Liebe oder auf den Tod, das ist die Welt.

Bei jedem Menschen werden die Augen von Jahr zu Jahr trauriger. Wenn man genau hinsieht, sieht man den Kummer und die Enttäuschungen. Man sieht bloß nicht gern hin. Man sieht bei sich selbst ja auch nicht hin. Dabei muss man sich nur vor den Spiegel stellen und sich fünf Minuten lang in die Augen schauen. Genau schauen. Es ist alles da.

"Ela, Kurt Kuch ist gestorben." ...
"Ach, ist das traurig! Der Arme! Weißt du etwas Näheres?"
"Da gibt es nicht viel Näheres zu wissen, oder? Er hat es nicht geschafft."
"Stimmt, ja. Nein, nein, nein, das darf nicht wahr sein."
Ich finde, es ist viel zu viel wahr, aber Lamentieren hilft ja nicht.
Ich finde, wir müssen uns irgendwie durchlügen, solange es geht. Die Notlüge der Existenz. Humor und Lügen, viel mehr haben wir ja nicht.
Aber so wenig ist das gar nicht.

Eines Tages wird alles weg sein, und es wird schade sein um das Leben. Leben an sich ist zwar ein von vornherein zum Scheitern verurteilter Versuch. Aber es ist ein heroischer, romantischer Versuch. Und Heldentum und Romantik sind das, was unsere kleine Welt großartig macht.

Was mache ich hier? Es ist sinnlos, es ist so sinnlos. Es ist herrlich. Herrlich sinnlos.
Etwas Sinnloses zu tun trägt viel Sinn in sich. Unternimm etwas, das du nicht verstehst und das keinem anderen weh tut. Gewöhne dich an die Absichtslosigkeit, sie macht dich frei.

Er verstand, dass eine der größten Sehnsüchte des Menschen die Selbstaufgabe war. Das Akzeptieren des Lebensstromes. Der Verzicht auf jeden Anspruch. ... Aus diesem Wunsch in den Menschen beziehen Religionen ihre Macht. Wir gehen in die Kirche, so wie wir von Insel zu Insel schwimmen oder auf den Everest stapfen: um das in uns, wovor wir uns fürchten, einmal abzugeben.

Er hatte die kleinen und größeren Wunder, die ihm widerfuhren oder deren Zeuge er geworden war, immer als ein Geschenk empfunden, das er erhielt, weil er sein Leben in dieses ziellose Alles geführt hatte, nicht in ein Alles oder Nichts, sondern ein Alles und Nichts. Da war Platz für Wunder.
Wunder sind etwas Schönes, dachte er. Es gibt so viele schreckliche Dinge um uns, für die uns jedes Verständnis fehlt. Wunder sind die herrlichen Dinge, für die uns jedes Verständnis fehlt. Wunder sind der Gegenschlag. Wunder sind der Konter. Wunder sind das Aufbegehren gegen die Hoffnungslosigkeit, und vielleicht sind sie sogar ihre Bezwinger.

Wofür wir leben? Für Liebe, Schönheit und Wunder.

Ich glaube, wir trauern alle ständig über die totale Abwesenheit von Wundern, weil sie uns spüren lassen, dass unser Schöpfer uns alleingelassen hat.

Im Internet lese ich Nachrichten. Der Papst schon wieder. Sie haben ihn nach Charlie Hebdo gefragt. Er dürfte ähnlich denken wie die Mörder, er hat geantwortet, wer seine Mutter beleidigt, den erwartet eben auch ein Faustschlag ins Gesicht. Ich glaube wirklich, der säuft.
Solche Sätze kenne ich ja eigentlich nur von Halbstarken, sagst du was gegen meine Mutta? Ich weiß, wo dein Haus wohnt, ich mach dich Messer. Vom Oberhaupt der katholischen Kirche erwartet man eine andere Konfliktlösungsstrategie. Dieser Franziskus ... ist so ein bisschen eine Mischung aus Don Camillo und Peppone.

"Die Beichte ist eine Erfindung von Betrügern für Schwächlinge. Was wir tun und lassen, müssen wir allein mit Gott ausmachen. Dazu braucht es diesen Zinnober nicht. Jemand, der einem Menschen die Beichte abnimmt, spielt sich als ein Briefträger auf, den keiner braucht."

Mein Freund fehlt mir.
Eine Welt, in der jemand einfach so davongestorben wird, kann mir auch kein Kuttenbruder schönreden. Im Gemeindeblatt haben sie die Begräbnispredigt abgedruckt, weil angeblich alle so ergriffen waren. Ich kann nur sagen, so einen Haufen Banalitäten, Lügen, Floskeln und Schwachsinn habe ich selten gelesen. Als hätte es die Blicke der Leute nicht gegeben, ihre Abneigung, ihre Verunsicherung, wenn sie meinen Freund gesehen haben. Aber es muss sich etwas bloß richtig anhören, dann sind die Leute zufrieden. Und alles, was man in so einer Situation schon mal gehört hat, hört sich richtig an.
Als Pfarrer kann man sowieso kaum etwas falsch machen. Alles wartet auf salbungsvolles Gewäsch und ein paar Plattheiten, da kann man auch einen Schimpansen vorne hinstellen und ihm eine Soutane überziehen. Wenn der ein bisschen mit seinem Weihwasserlöffel herumfuchtelt und etwas davon verspritzt, wird es genügend Leute geben, die sich trotzdem gesegnet fühlen, da würde ich darauf wetten. "Und es ist doch das Wasser des Herrn" oder so was in der Art werden sie sagen. Sie freuen sich also, von einem Affen mit Wasser bespritzt zu werden, weil ihr Leben danach besser ist als vorher. Das muss man mal durchdenken.

Wenn man nichts im Kopf hat, stürzt man sich auf Traditionen. Dabei ist Tradition nichts anderes als die Erlaubnis oder gar der Befehl, etwas zu tun, was irgendein anderer Trottel vor langer Zeit beschlossen hat.

Ich finde den Gedanken, ein Geheimnis sein Leben lang für sich zu behalten, ungeheuer anziehend. Es ist, als würde man sich Gott nähern. Wenn niemand da ist, der weiß, was man tut, ist man mit Gott allein.
So wie die Entdecker und die Forscher früher. Wenn sie auf Berge kletterten, die nie zuvor jemand bestiegen hatte, waren sie allein mit sich und Gott. Und sollte Gott nicht existieren, nun, dann waren sie ganz allein.

Zwischen 1. Januar und 31. Dezember erlebt man jedes Jahr das Datum des Tages, an dem man sterben wird. Nur die Jahreszahl stimmt nicht. Bis sie dann stimmt.

Es gibt keine Aliens? Kann kein Mensch wissen. ...
Die Menschen glauben zu Milliarden an ein Wesen, das über ihnen schwebt, über sie wacht, ihre Geschicke lenkt und noch von niemandem erblickt wurde außer an dem Tag, an dem es allürenhaft aus einem brennenden Dornbusch sprach, aber sie halten diejenigen für verrückt, die sich manche Himmelserscheinungen nicht erklären können.

Hat man als Erwachsener im Kopf keinen Platz mehr für das Unsichtbare, weil einen die sichtbaren Dinge überfordern?

"Glauben Sie an Gott, Tanaka?"
"Wollen Sie mir den Appetit verderben?"


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)