Der neue Roman von Anne Gesthuysen:
Mädelsabend

Heinzi hielt Ruths Vater ein Schild hin. "Ich habe ein Geschenk für euch. Aus alter Freundschaft", sagte er. Neugierig ging Ruth ein paar Schritte näher heran, bis sie lesen konnte, was auf dem Schild stand: Volksgenosse, trittst du ein, soll dein Gruß "Heil Hitler" sein. Die Mutter schob Ruth energisch zurück in den Verkaufsraum: "Bleib da und rühr dich nicht, das ist nichts für Kinder. Lass Papa und Oma das regeln." Damit verstellte sie Ruth den Blick auf das, was vorne an der Kasse passierte. Ruth hörte, wie ihr Vater sich bedankte und die Oma energisch dazwischenging. "Das kommt überhaupt nicht infrage, Heinzi. So etwas hängen wir hier nicht auf. Wenn mein Mann noch lebte, hätte er dir den Hintern versohlt. Wir sind Katholiken. Und deshalb gibt es in diesem Haus entweder Gottes Segen oder einen Händedruck, aber kein 'Heil Hitler'. Wir sagen 'Guten Tag'. Und 'Auf Wiedersehen'. Du kannst jetzt gehen, Heinzi."

Ich werde das Kind bekommen müssen. Jetzt, wo es entschieden ist und ich es nicht mehr ändern kann, bin ich fast ein wenig erleichtert. Vielleicht hat Mama recht. Sie ist so sicher in ihrem Glauben, ich beneide sie darum. Ich selbst bin es nicht. Die Vorstellung, ein ungeborenes Kind zu töten, finde ich traurig, aber ich glaube nicht daran, dass irgendein Gott mich dafür strafen wird.

Achte darauf, dass Du nicht einem anderen Ich hinterherrennst, das immer schneller sein wird als Du. Kämpfe nicht gegen Dich selbst, sondern richte Dich in dem Leben ein, das Dich froh macht. Du hast nur dieses eine. Oder, wie Ottilie immer sagt: Das Leben ist keine Generalprobe.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)