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Zum Tod von George Steiner

Das letzte Buch von George Steiner:
Ein langer Samstag (2016)

Eine Zivilisation ohne die Möglichkeit der Transzendenz [...], eine Zivilisation, in der man nicht mehr wie Wittgenstein sagen kann: "Wäre es mir möglich gewesen, ich hätte meine philosophischen Untersuchungen Gott gewidmet", eine Zivilisation, die diese Möglichkeiten verlöre, wäre meiner Ansicht nach in großer Gefahr.

Den Atheismus kann ich ebenso verstehen wie den Glauben an eine Transzendenz, an ein letztes Mysterium der Schöpfung. Was ich jedoch nicht akzeptieren kann, das sind jene, die sagen: "Die Frage stellt sich nicht mehr. Warum überhaupt davon sprechen?" Mir scheint, wenn diese Menschen überhandnehmen, [...] wenn es darauf hinausliefe, dass gesagt wird: "[...] Gott, kenne ich nicht", und eine Kultur entstünde, in welcher, wie in einer jüngeren Umfrage, David Beckham ganz oben auf der Liste der zehn unsterblichen Engländer stünde, [...], wenn die Situation sich also darstellte als eine Art Verweltlichung, als äußerste Vulgarisierung, ja dann will mir scheinen, würden keine Werke von Bedeutung mehr entstehen. Neun Zehntel unserer Kunst, unserer Architektur hat einen religiösen Hintergrund, ein religiöses Thema – sei es Beethovens Missa solemnis oder Bachs Musik, seien es unsere Kathedralen, Gebäude, Städte oder Gesetze. Wenn mir jemand sagt: "Diese Frage stellt sich nicht mehr!", wenn das, was Dostojewski als "einzige Frage von Bedeutung" bezeichnet – jene nach der Existenz oder Nichtexistenz Gottes – , nicht mehr wert wäre, dass man über sie nachdächte, [...] dann würden wir meiner Ansicht nach in der Tat in ein Stadium eintreten, das ich als Epilog – im eigentlichen Sinne – bezeichne: das, was nach dem Wort, nach dem logos kommt. "Am Anfang war das Wort". Es könnte sein, dass am Ende das Lächerliche stünde. Vielleicht stehen wir am Anfang einer großen Epoche des Hohns und des Spotts.

Ich lese regelmäßig die Bibel, weil sie so unvergleichliche Poesie, so viel Ironie ... und Unverständliches enthält. [...] Die Bibel ist ganz und gar unerschöpflich. [...] Ein Dokument von immensem Reichtum. Auch deswegen bin ich so betrübt über die heutige Erziehung – die ich als geplante Amnesie bezeichnen würde –, weil die Bibel immer weniger gelesen wird, immer weniger bekannt ist [...] Wir vergessen, in welchem Ausmaß wir Kinder dieses Textes sind, vergessen seine Bedeutung innerhalb der westlichen Geschichte.

Da ich glaube, dass Gott der Onkel Kafkas ist (davon bin ich fest überzeugt), macht er uns das Leben nicht eben leicht.

Dreimal hat der Jude quälenden Druck ausgeübt auf den Menschen. Zuerst mit den Mosaischen Gesetzen. Der Monotheismus ist das Unnatürlichste der Welt. Wenn die Griechen sagen, dass es zehntausend Götter gibt, dann ist das logisch und natürlich, wunderbar erfreulich, das erfüllt die Welt mit Schönheit und Versöhnung. Der Jude aber antwortet: "Unvorstellbar! Man kann sich von Gott kein Bild, keine Vorstellung machen, es sei denn, diese ist ethischer, moralischer Natur." Dieser Gott ist ein allmächtiger Gott; er rächt sich bis in die dritte Generation etc. Das Mosaische Gesetz, diese monotheistische Moral, ist schrecklich: die erste Erpressung. Die zweite Nötigung: das Christentum. Hier tritt also Jesus auf, der Jude, der vorschreibt: "Ihr werdet den Armen alles geben, was ihr besitzt. Der Altruismus ist keine Tugend, er ist eine Pflicht für den Menschen. Ihr werdet demütig leben." Das ist eine fundamental jüdische Botschaft [...] Das dritte Mal ist es Marx, der geltend macht: "Wenn ihr ein schönes Haus besitzt mit drei leeren Zimmern und es um euch herum Menschen gibt, die keine eigene Wohnung haben, gehört ihr zu den allergrößten Lumpen." Der menschliche Egoismus, die Habgier, die Libido des Geldes, des Erfolgs lassen sich auf keinerlei Weise rechtfertigen. [...] Dreimal hat der Jude vom Menschen verlangt: "Werde Mensch. Werde menschlich." Das ist unerträglich. [...] Wenn Hitler in den sogenannten Tischgesprächen verkündet: "Der Jude hat das Gewissen erfunden", hat er absolut recht. Das ist sogar eine tiefgründige Einsicht dieses bösen Herrn.

Rezensionen des Gesprächsbandes "Ein langer Samstag"

(2006)

Die Wissenschaft kann auf die wesentlichen Fragen, die den menschlichen Geist beschäftigen oder ihn beschäftigen sollten, keine Antwort geben. Wittgenstein hat wiederholt darauf hingewiesen. Sie kann nur die Legitimität solcher Fragen leugnen. Nach der Nanosekunde vor dem 'Big Bang' zu fragen sei, so wird uns schulmeisterlich versichert, eine Absurdität. Doch wir sind nun einmal so veranlagt, dass wir trotzdem fragen und die Annahmen des heiligen Augustins für überzeigender halten mögen als jene der String-Theorie.


(1999)

Ein solcher Agnostizismus, gebrochen durch Impulse gequälten Gebets, gedankenloser Schreie zu Gott in Augenblicken des Schreckens und des Leidens, ist im post-darwinschen, post-nietzscheschen und post-freudschen Abendland allgegenwärtig. Ob bewusst oder nicht, der Agnostizismus ist die etablierte Kirche der Moderne.


(1990)

Wir wissen von jenem Karfreitag, der der Christenheit als der des Kreuzes gilt. Doch der Nichtchrist, der Atheist weiß von ihm ebenso. Das heißt, dass er von der Ungerechtigkeit weiß, von dem unendlichen Leiden, vom Verfall, von dem brutalen Rätsel des Endens, aus denen in so breitem Maße nicht nur die historischen Dimensionen der Conditio humana bestehen, sondern auch das alltägliche Gewebe unseres persönlichen Lebens. Wir wissen unauslöschlich vom Schmerz, vom Versagen der Liebe, von der Einsamkeit, welche unsere Geschichte und unser privates Geschick sind. Wir wissen auch vom Sonntag. Für den Christen bedeutet dieser Tag eine Ahnung, sowohl voller Gewissheit wie Gefährdung, sowohl evident wie jenseits des Verstehens, von Auferstehung, von einer Gerechtigkeit und einer Liebe, die den Tod überwunden haben. Wenn wir Nichtchristen oder Ungläubige sind, wissen wir von jenem Sonntag in analogen Begriffen. Die Züge jenes Sonntags tragen den Namen der Hoffnung.

Molekularbiologie kann vielleicht in naher Zukunft den Faden entwirren, dessen Anfang der des Lebens ist. Nichts ... kann die Tatsache entwaffnen, geschweige denn erhellen, dass die Welt ist, während sie auch hätte nicht sein können, die Tatsache, dass wir darin sind, während wir das auch nicht hätten sein können. Der Kern unserer menschlichen Identität ist nichts Größeres oder Geringeres als die zufällige Wahrnehmung der radikal unerklärlichen Gegenwart ... des Geschaffenen.


(1972)

Weder Himmel noch Hölle zu haben bedeutet ja ein Leben im Stadium unerträglicher Entbehrung – bedeutet, ganz allein dazustehen in einer hoffnungslos verflachten Welt.


(1969)

Wo liegt hier der Sinn? Genau zur gleichen Stunde, da man [die einen im KZ] in den Tod schickte, war die überwältigende Mehrheit aller Menschen, drei Kilometer entfernt in den polnischen Dörfern, siebentausend Kilometer entfernt in New York, damit beschäftigt, zu essen und zu schlafen, ins Kino zu gehen, Liebe zu treiben oder Angst vor dem Zahnarzt zu haben. Hier liegt der Punkt, da mich meine Vorstellungskraft verläßt. Diese beiden simultanen Erlebniszustände sind so verschieden, sind mit jeder allgemeinen Norm menschlicher Werte derart unvereinbar, und ihr gleichzeitiges Nebeneinanderbestehen ist ein derart abstoßend widerliches Paradox ...

Zum 80. Geburtstag von George Steiner

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)