Der neue Roman von Wilhelm Genazino

Ich kam an einer öden Straßenbahn-Haltestelle vorbei und empfand Lust, mir einen neuen, attraktiven Namen für sie auszudenken. Ich brauchte nicht lange, dann fiel mir als neuer Name "Ewiger Mangel" ein. Wie schön wäre es, wenn der Straßenbahn-Führer die Haltestelle Ewiger Mangel ausrufen würde. Ich wollte mir die Namen weiterer schöner Haltestellen ausdenken, aber es fielen mir keine mehr ein. Stattdessen blickte ich den Leuten in die Gesichter und überlegte, ob sie an ewigem Mangel litten oder nicht. Nach meiner Einschätzung litten sie so heftig und regelmäßig, dass der Mangel überhaupt nicht mehr aus ihren Gesichtern wich.

Ich war weder musikalisch noch religiös, aber jetzt fiel mir der Beginn einer Kantate von Bach ein: Wo soll ich fliehen hin? Die Frage war eine präzise Beschreibung meiner Lage: Ich wusste nicht wohin.

Was sollte ich denn von einem Leben halten, das sich nicht in die Karten schauen ließ, obwohl ich die Karten selbst in der Hand hielt und sie fast unablässig anschaute, umdrehte und mischte.

Ich fragte mich, warum mein Name nicht in der Zeitung stand und im Radio nicht auftauchte. Als hätte ich nicht gewusst, was jeder wusste: Man wird nicht irgendwann vergessen, sondern man ist immer schon im voraus vergessen.

Frühmorgens, unrasiert, das Haar nicht gewaschen, die Zähne nicht geputzt, stand ich vor dem Spiegel im Bad. Ich erinnerte mich an meinen Konfirmandenunterricht und dachte: Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über mir. Es geschah nichts. Ich musste mir die Haare waschen, ich musste mich rasieren, ich musste mir die Zähne putzen und frische Unterwäsche anziehen. Als ich fertig war, murmelte ich vor mich hin: Jetzt werde ich dem Herrn gefallen. Der Herr war noch immer nicht da.

Du bist geschmacklos, sagte Frederike. Nicht ich bin geschmacklos, antwortete ich, geschmacklos ist das Leben selbst. Frederike lachte. Es gibt kein Gebiet des Lebens, sagte ich, in dem die Geschmacklosigkeit nicht den Ton angibt.

Ich schätzte das Wort Krampfader schon lange: der Krampf des Lebens ließ seine eigene Anschaulichkeit zurück.

Ich fragte mich, warum so viele Menschen Angst vor einer befleckten Seele haben. Wovon könnte eine Seele befleckt werden? Was hieß überhaupt "befleckt"? Aus dem Konfirmandenunterricht wusste ich noch, dass mit Befleckung ein vorzeitiger Geschlechtsverkehr gemeint war, was zur Folge hatte, dass einige der viel zu jungen Konfirmandinnen fragten, was denn ein Geschlechtsverkehr sei.

Die Wirklichkeit hatte eine stark abstoßende Tendenz: Sie ermüdete die Menschen zu schnell. Ich fing an, mit der Straße zu reden, auf der ich unterwegs war. Mit dir geschieht nichts, sagte ich zu der Straße, du bist aus Gleichmut gemacht, deswegen bist du bei mir so beliebt. Dann fiel mir nichts mehr ein, was ich zu einer Straße noch hätte sagen können.

Während des Geschirrabtrocknens sang eine Frau im Radio: O Herr, schütze mich, lass mich nimmermehr zuschanden werden. Ich war nicht religiös, aber ich wollte auch gerne mal einen Herrn bitten, nicht zuschanden zu werden.

Verblüfft erkannte ich, dass ich kaum noch sinnvolle Wünsche hatte, außer einem: Ich wollte erlöst werden.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)