Der neue Roman von Wilhelm Genazino

Seit etwa vierzehn Tagen litt ich wieder an einem Drang, von dem ich nicht wusste, ob er mich irgendwann ins Unglück stürzen würde: Ich wollte endlich ein bedeutsames Leben führen. Ich ahnte, dass die menschliche Bedeutsamkeit in zahllosen Einzelheiten des wirklichen Lebens aufbewahrt war und dass es an den Menschen lag, diese Bedeutsamkeit in ihr Leben einzubauen; aber wie? Zuweilen hatte ich den Eindruck, das Verlangen nach Bedeutsamkeit sei ein verhülltes Heimweh. Es war möglich, dass heute ein solcher Heimwehtag war.

Ein zusammenhängendes bedeutsames Leben gelang mir nicht. Früher oder später brachen belanglose Details in mein Leben ein, dann stand ich plötzlich wieder neben mir und schaute auf die rätselvollen Splitter einer sich nicht zusammenfügenden Existenz.

Für Menschen wie mich, die das Leben als bedeutsam empfinden wollten, gab es nicht viele Orte, wo sich diese Bedeutsamkeit ohne störende Nebengeräusche einlöste. Früher war ich öfter ins Museum gegangen, aber dort stieß ich mich an diesem den Leuten ins Gesicht geschriebenen Verlangen nach einem Kunsterlebnis, das sie sich als außeralltäglich zurechtmodelten. Aber im Vorraum sahen sie (und ich) den Andrang der Massen, mit denen sie (und ich) nichts zu tun haben wollten, weil das Museum inzwischen einem Kaufhaus ähnelte.

In der Zeitung las ich, dass ein wesentliches Moment des Alterns der Gedächtnisverlust ist. Danach hatte ich kaum noch ein schlechtes Gewissen, weil ich begonnen hatte, weite Teile meines früheren Lebens mehr und mehr zu vergessen. Dann fürchtete ich mich vor der Rückkehr meines früheren unmoralischen Lebens. Erst nach diesen Umwegen verstand ich, dass es moralische Versöhnung mit sich selbst nicht gibt und dass wir alle als unverstandene Greise enden.

Nach dem Besuch des Friedhofs fürchtete ich, im Nu einer der Alten zu werden, die selber, obwohl sie noch lebten, sich schon halb im Jenseits aufhielten und nicht mehr zurückfanden ins unbelastete Leben. Die Melancholie war sowieso da und brauchte keinen Friedhof. Wir, die Lebenden und vorerst Übriggebliebenen, traten an die Gräber und übernahmen jenen Teil der Trauer, der schon immer zu uns passte. Warum hatte ich so oft das Gefühl, dass jeder Mensch einem Leiden hingegeben ist, über das keiner sprechen will? Und dass wir entlang dieser Verheimlichung schlecht und recht existierten? Wenn ich durch Trauer erschöpft war, beschäftigte ich mich oft mit dem Problem, was geschehen sollte, wenn der eigene Schmerz durch Dauerbeatmung eines Tages langweilig würde? Kein Mensch konnte den Schmerz einfach aufgeben (das wäre Verrat), aber niemand konnte ihn immerzu erhalten wollen. Es gab mal wieder keinen Ausweg.

Ich verstand nach einiger Zeit, dass die "Hinterbliebenen" von Toten häufig mit Rückzug reagieren; natürlich nicht, weil ihnen nach Abkapselung ist, sondern weil sie ohne Gegenwehr und fassungslos miterleben müssen, dass die verquatschte Fernsehgesellschaft vergessen hatte, dass wir das Private nicht ohne weiteres vergesellschaften können.

Bald glaubte ich, dass alles, was geschieht, sofort Vergangenheit wurde, worin ich eine verblüffende Leere erkannte. Aber wann lebten wir dann wirklich, wann traten wir ein in unsere tatsächliche Gegenwart, die nicht sofort vermoderte?

Ich trug eine bessere Welt stets mit mir herum; für den Fall, dass es eine bessere Welt einmal geben sollte, war ich vorbereitet.

Ich kam auf den Gedanken, dass man sich für das sogenannte normale Leben niemals eine Ethik zurechtlegen sollte.

Rätselhaft war nicht, warum es Selbstmörder gab. Rätselhaft war, warum so viele Menschen ihre schwierigen Existenzen aushielten, ohne Selbstmörder zu werden.

Gegenüber der verbreiteten Vorstellung, dass unsere Welt verständlich sei, fühlte ich in mir einen harten Kern, der auf Unverstandensein beharrte. Ich kam mir verstoßen vor wie ein kleines Tier, das sich in einer Ecke versteckt und darauf wartet, dass alle fixen Versteher endlich und für immer den Mund halten.

Im Bett spielten wir Maria und das Jesuskind. Ich war das Jesuskind und Carola war die mich sogar nachts erwartungsfroh stimmende Maria. Carola entblößte eine Brust und hielt mich im Arm. Mit meinen großen Fingern fasste ich nach Marias Brustwarze, genau so, wie wir es auf vielen mittelalterlichen Bildern gesehen hatten. Carola betrachtete mich gerührt wie eine echte Maria. Durch dieses Erlebnis kam ich mir plötzlich wieder bedeutsam vor.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)