Das neue Buch von Karl-Markus Gauß:
Der Alltag der Welt

Meine stetig wachsende Aversion gegen die organisierten Atheisten, diese Mitbrüder im Nichtglauben, die am liebsten einer eingetragenen, staatlich anerkannten Nichtreligionsgemeinschaft angehören würden, pfäffische Eiferer in der Kirche der reinen Immanenz. Diderot hatte seinem Atheismus hingegen die religiöse Sehnsucht, die Sehnsucht nach Transzendenz zugestanden, aber ihr zugleich widerstanden. Das erst gibt dem Atheismus seine humanistische Kraft: dass in ihm alles, was die Menschheit an Religion zur Menschwerdung und Zivilisierung benötigte, aufgehoben bleibt. Den Kindheitsglauben macht nur verächtlich, wer ein dummer Erwachsener geworden ist, der sich dem Kind, das er in sich verloren hat, überlegen dünkt. Das gilt für den Einzelnen und seine Entwicklung und nicht minder für die Menschheit und ihre Geschichte. Daher hat Atheismus als Humanismus nichts mit den atheistischen Moden zu tun, von denen heute die an die neoliberale Vielfalt der Stile angepassten Pastafari eine besonders marktschreierische verfechten. Fundamentalisten der Spaßgesellschaft, spielen sie sich gerne als Piraten der Aufklärung auf, weil sie so mutig sind, dem Großen Spaghettimonster zu huldigen und sich, als Zeichen ihrer Küchenreligion, im amtlichen Ausweis mit einem Nudelsieb auf dem leeren Kopf abbilden zu lassen. Den Kinderglauben mit Infantilismus zu bekämpfen ist ihnen der wahre Fortschritt, und hört man den Repräsentanten der Pastafari einmal zu, was sie von der Welt halten, außer dass sie das verdammte Christentum endlich in die Schranken weisen möchten, dann erschrickt man ob der aggressiven Dürftigkeit ihres politischen Denkens. Sie sind zumeist soziale Autisten, die vom Staat nur eines verlangen, dass er es einem jeden erlaube, nach der Fasson seines intellektuellen Nudelsiebs selig zu werden. Gesteht er ihnen das zu, fällt ihnen gar nichts mehr ein, was sie an der Welt noch zu kritisieren haben könnten.

Ria hatte [...] eine Art von Grundvertrauen in das Leben, für das sie keine religiösen Versprechungen benötigte. Dass jemand in guten Zeiten ohne den Glauben an ein Leben nach dem Tod auskommt, ist nichts Besonderes. Dass sich jemand religiöser Tröstung verweigert, wenn ihn ein grausames Schicksal dem eigenen Tod unerbittlich näher bringt, spricht für einen Charakter, der in sich ruht, für Überzeugungen, die nicht nur intellektuell gewonnen wurden, sondern tief in diesem Menschen eingewurzelt sind. Ihr eigenes Schicksal, diese empörende Erkrankung Amyotrophe Lateralsklerose, hat Ria als letzten Beweis dafür genommen, dass kein gütiger Gott über unser Leben wacht. Ich glaube, ein Satz aus den Evangelien trifft auf ihr Denken zu, wenn man ihn umdreht: Das Leiden in der Welt war der Fels, auf den sie ihren Atheismus baute.

Die Apokalypse als real gewordene Möglichkeit werde verdrängt, dies war es, was der Philosoph Günther Anders anprangerte. Wird sie heute wirklich verdrängt? Im Kino, im Fernsehen, in den Medien hat sie es zur schieren Dauerpräsenz gebracht, und wer will, kann sich von mittags bis Mitternacht im Fernsehen von einem Katastrophenfilm zum nächsten zappen, um sich zwischendurch die kleineren Häppchen Apokalypse aus den Nachrichten einzuverleiben. Der Weltuntergang wird nicht verdrängt, sondern kommerzialisiert. Fortwährend wird er uns ins Haus geliefert und mit solchem Aufwand an technischer Raffinesse im Film hergestellt, dass wir nicht anders können, als über ihn in Begeisterung zu geraten. Wir werden mit Katastrophen gefüttert, bis unsere Sinne stumpf geworden sind. Nicht ihr Vertuschen, ihre propagandistische Präsenz hat dafür gesorgt, dass uns die Apokalypse keine Sorgen mehr bereitet.

Ach, die Hirnforscher, die im Rufe stehen, die Leitwissenschaft der Epoche zu repräsentieren! Die ewige Leib-Seele-Problematik haben sie auf experimentell komplizierte und intellektuell dürftige Weise gelöst: Der Mensch ist keine Einheit, kein Ganzes, kein Einzelner, kein "Ich", das seine Antriebe wie Neurosen aus dem Widerspruch von Leib und Geist bezöge. Er ist auch nicht [...] der Schöpfer und das Produkt seiner Gedanken, nein, er ist nur mehr Produkt: das Produkt seines Gehirns, das für ihn arbeitet, aber frei von seiner Beeinflussung. Das kleine Gehirn ist die große Maschine, die, als würde sie gar nicht im Kopfe sitzen (der immerhin auch zum Körper des Menschen gehört), unablässig irgendwo in einer extraterritorialen Sphäre des Menschen, in einer versperrten Kommandozentrale vor sich hin rattert. Der Mensch hat keinen freien Willen, das haben die Gehirnforscher einander auf so vielen Kongressen bestätigt, dass sie es selber glauben, wenn auch nicht aus freien Stücken, denn sie reagieren ja selbst nur ab, was ihnen ihr Gehirn mit gebietender Kraft aufgenötigt hat. Ein paar Tausendstelsekunden, haben sie herausgefunden, ehe der Mensch sich für oder gegen etwas entscheidet, hat sein Gehirn die Entscheidung bereits fur ihn getroffen, sodass der Mensch zum Eigentum seines eigenen Gehirns verkommt. Religiöse Fanatiker, huldigen sie dem Gehirn als dem aus sich selbst und durch sich selbst in die Welt gekommenen Gott.

Vom "Geist", selbst wenn er begrifflich nur vage zu fassen ist, möchte ich nicht lassen. Sogar der Heilige Geist wäre mir recht, wenn er mir nur zur Seite stünde, jene abzuwehren, die dort, wo früher das edle Walten von Geist vermutet wurde, nichts als neuronale Reaktionen erkennen können.

Warum aber schreibt man? Um immer bei denselben Gedanken zu bleiben, sich in denselben Ideen, Idealen zu behaupten - oder doch, um neue auszuprobieren? Um sich, gegen den Lauf der Zeit, in seinem Innersten zu bewahren - oder um sich schreibend zu verändern, im täglichen Akt des Schreibens das aus sich herauszutreiben, von dem man vor dem Schreiben vielleicht gar nichts wusste und das man erst schreibend von sich und der Welt entdeckt?


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)