Die Gaucho-Tanz-Debatte

Man muss nicht Lehrer an einem Sportgymnasium sein, um etwas von der Vorbildfunktion von Sportstars zu verstehen. Wenn der Torwart der Niederlande erklärt, er hätte die Elfmeterschützen von Costa Rica nur psychologisch fertigmachen wollen, muss jede Lehrerin und jeder Erzieher erschrecken: Nein, es ist nicht gut, den Anderen psychologisch fertigzumachen, weder im Sport noch außerhalb des Sports.
Die Freude über den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft durch die Mannschaft von Jogi Löw hat nun in kurzer Zeit drei Kratzer bekommen.
Erster Kratzer: Direkt nach dem Titelgewinn geht ein Dank und Gruß von Bastian Schweinsteiger vor Millionen Fernsehzuschauern an den Steuerbetrüger Uli Hoeneß. "Ohne ihn wären wir alle nicht hier", sagt Schweinsteiger. Tatsächlich?
Zweiter Kratzer: Am Finalabend veräppelt Thomas Müller eine kolumbianische Reporterin und lässt es dabei letztlich auch an Respekt gegenüber James Rodríguez, dem Gewinner des Goldenen Schuhs, fehlen ("Den scheiß goldnen Schuah kannst dir hinter d'Ohrn schmiern"). Ärgerlicher als dieser dumme Jungenstreich ist allerdings die Rezeption des davon handelnden Videos: Es wird von deutschen Medien als "superwitzig", "urkomisch" oder "Kult" hochgejubelt. Ist man eine Spaßbremse, wenn man den Auftritt Müllers als überheblich empfindet?
Dritter Kratzer: Der Gaucho-Tanz einiger deutscher Spieler beim Empfang der Nationalmannschaft in Berlin. Dass das Verhalten dieser Spieler kein allgemeines Gesetz werden kann und deshalb moralisch zweifelhaft ist, dürfte einleuchtend sein. Und dabei ist es vollkommen egal, ob es einen Argentinier stört oder nicht. Erschreckender als dieser peinliche Tanz, den man schnell vergessen könnte, sind die wütenden Reaktionen auf die Kritik an diesem Tanz. Die Kritik an diesem Tanz äußerte sich vor allem in drei Kommentaren, einer erschien in der FAZ, ein anderer im Berliner "Tagesspiegel", der dritte in der "taz". Einen "Shitstorm" gegen diesen Tanz, wie einige Medien behaupten, gab es nicht. Die drei Kommentare von FAZ, "Tagesspiegel" und "taz" lösten aber einen gewaltigen "Shitstorm" aus (vgl. eine kleine Auswahl von Tweets). Ein "Shitstorm", in dem gar nicht mehr differenziert wurde. Eine Stimme in der FAZ (eines freien Mitarbeiters, nicht eines Redakteurs) wurde zu "der" FAZ, drei Kommentare in deutschen Zeitungen wurden zu "dem" Feuilleton, zu "dem" deutschen Journalismus. Auf Twitter wurde den Kritikern des Gaucho-Tanzes gar geraten, Deutschland zu verlassen. Den Gaucho-Tanz-Kritikern steht eine Front aus konservativen Politikern, Springer-Presse, "Junge Freiheit" und wohl der Mehrheit der Verfasser von Postings im Internet gegenüber. Eine Vokabel fällt in diesem Zusammenhang immer wieder, um die Gaucho-Tanz-Kritiker zu diffamieren: Sie seien "Gutmenschen". Schon vor sieben Jahren wies Evelyn Finger in der "Zeit" auf den antihumanistischen Gehalt dieses Begriffes hin. Die Polemik gegen "Gutmenschen" wurde seitdem immer schärfer und lauter, der letzte Höhepunkt war der Bestseller von Akif Pirincci. Auch katholische Kreise (die, die ganz genau zu wissen meinen, was nicht mehr katholisch ist) stimmen in diese Polemik gerne mit ein, etwa auf einem privaten Linzer Internetportal oder bei der Piusbruderschaft. Wie steht es aber um eine Gesellschaft, in der "Gutmensch" zu einem der schlimmsten Schimpfwörter geworden ist, zu einem Killer-Begriff, der Andersdenkende abqualifiziert? Nur ein Christ(demokrat) ohne sprachliche Sensibilität akzeptiert die Bezeichnung "Gutmensch" als negatives Etikett und anti-diskursives Mittel. CDU-Generalsekretär Peter Tauber und der katholische Publizist Alexander Kissler, die der Polemik der Springer-Presse gegen "Gutmenschen" und "Weltverbesserer" Beifall klatschen, fehlt diese sprachliche Sensibilität offenbar.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)