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Zum 150. Todestag von Friedrich Rückert

Das sagt dir dein Gefühl, dass du kannst sündigen;
Warum du's kannst, wer kann dir das verkündigen?
Die Weisen sagen dir: du kannsts, um frei zu sein.
Doch warum räumte Gott dir diese Freiheit ein?
Weil dich, sein Bild, er nicht zum Werkzeug wollt' erniedern.
Doch darauf kann sogleich der schlichte Sinn erwidern:
Ein König göttlich gut, hätt' er dazu die Macht,
Die Seinen hätt' er frei und gut zugleich gemacht.
Da er nun nicht zugleich uns gab die beiden Gaben,
Wird der Allmächtige dazu die Macht nicht haben.
Was ists nun, das die Hand der Allmacht also band?
Da ist der Menschenwitz gekommen an den Rand.
Und überall wird er zu solchem Rande kommen,
Wie er das Rätsel sonst zu lösen unternommen.
Darum zurück in dich! Du bist durch Gottes Kraft
Ein Rätsel zwar, doch das ist dir nicht rätselhaft:
Dass du nicht sündigen musst, wiewohl du sündigen kannst;
Dass du's nicht sollst, und dazu Gottes Kraft gewannst.

(aus: F. Rückert, Die Weisheit des Brahmanen)

Daß ich kann All-Einheit denken,
Mich im Abgrund Nichts versenken,
Und doch halten ich mein Ich;
Darf ich's meinen Glauben nennen,
Sagen, Gott, Dich zu erkennen?
Unerkannt empfind' ich Dich.

(aus: F. Rückert, Poetisches Tagebuch 1850-1866. Frankfurt a. M. 1888)

In allen Zonen liegt die Menschheit auf den Knien
Vor einem Göttlichen, das sie empor soll ziehn.
Verachte keinen Brauch und keine Flehgebärde,
Womit ein armes Herz emporringt von der Erde.

(aus: F. Rückert, Zwölfte Stufe. Frieden)


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