Heute vor 100 Jahren im Reichstag:
Gedenken an den Theologen Friedrich Naumann

Nach der Übersiedelung der Nationalversammlung von Weimar nach Berlin in das Gebäude der früheren deutschen Volksvertretung fand heute vor hundert Jahren, am 30. September 1919, die erste Sitzung der Volksvertretung der deutschen Republik im alten Reichstag statt. Das Gebäude, das während der Revolutionsunruhen arg mitgenommen war, war wieder vollständig gesäubert und man sah, wenigstens im Innern, nur noch wenig von den Revolutionswunden. Im Sitzungssaal selbst musste infolge der Vermehrung der Abgeordnetenzahl eine Reihe neuer Sitze geschaffen werden. Man hatte sich damit geholfen, dass man den Mittelgang, der sich quer durch den Saal zog, zur Aufstellung der Sitze verwendet hat. Im Übrigen zeigte der Sitzungssaal das alte Bild. Der Beginn der Berliner Tagung der Nationalversammlung fand beim Publikum nur wenig Interesse. Die Tribünen wiesen nicht nur Lücken, sondern sogar völlig leere Bänke auf. Lücken, große Lücken gab es aber auch im Sitzungssaal. Eine große Anzahl von Abgeordneten war scheinbar noch nicht in Berlin eingetroffen. Auf der Ministerbank saßen am Anfang nur Matthias Erzberger (Zentrumspartei) und Gustav Noske (SPD). Für die Sicherung der Verhandlungen war Sorge getragen. Im Gebäude waren an allen Eingängen Sicherheitstruppen postiert, die jeden Eintretenden genau prüften. Der Präsident Konstantin Fehrenbach (Zentrumspartei) eröffnete um 15.15 Uhr die Sitzung mit einer Reihe von geschäftlichen Mitteilungen. Ehe es an die Erledigung der Tagesordnung ging, richtete der Präsident an das Haus aus Anlass der Übersiedlung nach Berlin einige wenige Worte, die er mit dem Wunsche "Möge der Einzug ein Gesegneter sein!" schloss. Mit warmen Worten gedachte er dann des Heimganges Friedrich Naumanns. Stehend nahm das Haus den Nachruf des Präsidenten entgegen. Fehrenbach sprach: "Seitdem wir in Weimar auseinandergegangen sind, ist die Nationalversammlung von einem schweren Verlust betroffen worden. Der Abgeordnete Friedrich Naumann, der seit 1907 Mitglied des Reichstages war, ist verstorben. Unser heimgegangener Kollege war ebenso hervorragend als Mensch wie als Parlamentarier. Die Nationalversammlung hat in ihm ihren glänzendsten Redner verloren, zugleich einen immer liebenswürdigen und bescheidenen Freund. Mit seinen reichen Geistesgaben hat er der Menschheit gedient. Sie haben sich zu seinen Ehren von den Plätzen erhoben, ich stelle das fest."
(nach Berliner Tageblatt Nr. 462, 1. Oktober 1919, S. 4)


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)