"Obwohl Kemp stark katholizisiert,
findet er den deutschen Katholizismus verspiessbürgert"
Zum Tod des Übersetzers und Herausgebers Friedhelm Kemp

Den Namen von Friedhelm Kemp werden viele Theologen schon mal in einer Fussnote gelesen haben: Ohne Kemp wäre die Simone-Weil-Rezeption in der deutschsprachigen Theologie kaum denkbar. Durch seine Übersetzungen vermittelte Kemp in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Werk von Simone Weil in den deutschen Sprachraum. Auf das Konto Kemps gehen fünf Weil-Übersetzungen: 1952 erschien Schwerkraft und Gnade (La Pesanteuer et la grace), 1953 Das Unglück und die Gottesliebe (Attente de Dieu) und 1956 Die Einwurzelung. Einführung in die Pflichten dem menschlichen Wesen gegenüber (L' Enracinement). 1976 folgte dann der Sammelband Zeugnis für das Gute. Traktate, Briefe, Aufzeichnungen und 1988 Entscheidung zur Distanz. Fragen an die Kirche (Lettre à un religieux). Bekannt ist Kemp vielen Theologen auch als Herausgeber der "Gesammelten Werke" sowie "Sämtlichen Gedichte" von Else Lasker-Schüler, als Herausgeber der "Geistlichen Andachten" von Paul Gerhardt, als Mitarbeiter der katholischen Zeitschrift Hochland, als einer der besten Kenner des Opus von Konrad Weiß, als Herausgeber der Werke von Clemens Brentano und als Übersetzer von Charles Péguy.
In der Festschrift für den Jesuiten Erich Przywara bekannte Carl Schmitt, er "verehre und bewundere" Kemp "als Herausgeber und Übersetzer". Schmitt, den Kemp in Plettenberg aufsuchte, notierte 1956 in einem Brief: "Kemp hat gleichzeitig Péguy und Simone Weil l'Enracinement auf deutsch herausgebracht; welch eine perplexio oppositorum!" Gottfried Benns Freundin Théa Sternheim schrieb 1949 in Paris in ihr Tagebuch: "Zum Abendessen ... Dr. Friedhelm Kemp, ein junger, in München lebender Philologe, zur Zeit auf irgend einer Pariser Kulturtagung weilend. Gleich beim Eintritt des gut- und intelligent aussehenden, sich mit vollendeter Anmut bewegenden jungen Mannes mit dem leicht singenden rheinischen Tonfall (er ist gebürtiger Kölner) fällt mir die Identität seiner Handschrift mit seiner Persönlichkeit auf. Zweifellos habe ich bei seinem Auftritt das schöne Gefühl, als wäre die gnadenlose Epoche, in der wir zu leben verdammt sind, nichts als ein böser Traum - in Wirklichkeit befände ich mich, wie mit fünfzehn, mit sechszehn Jahren und wie während meiner Kindheit in einem Weltall des Friedens und der Harmonie. Als ob es keinen Hitler gegeben hätte, keine zwei Weltkriege, als ob das furchtbare Loch nicht bestände, was in mir, aber doch wohl auch in den Anderen meiner Generation klafft ... Obwohl Kemp stark katholizisiert, findet er den deutschen Katholizismus verspiessbürgert und ohne Spannkraft. Es ist zwei Uhr morgens, als der musische Mensch mich verlässt."

In der NZZ schrieb der Düsseldorfer Romanist Prof. Dr. Hans T. Siepe zum Tod von Friedhelm Kemp. Weitere Nachrufe: Harald Hartung in der FAZ vom 7.3.2011 und Lothar Müller in der SZ vom 7.3.2011.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)